Berlin : Galius- und Hinze-Entführer: Einsamer Tod irgendwo in einem Erdloch

Kerstin Gehrke

Am Tag nach der Entführung hörten die Angehörigen seine Stimme am Telefon. Da sagte Alexander Galius, dass er lebendig vergraben werden solle, dass die Kidnapper eine Million Mark forderten. Am vierten Tag nach der Verschleppung des 50-jährigen Computerhändlers am 9. Juni 1997 endete das Verwirrspiel um die Übergabe des Lösegeldes in einem Nichts. Der Kontakt brach ab. Galius blieb verschwunden. Die Staatsanwaltschaft glaubt: Die beiden Männer, die auch den Geltower Gastwirtssohn Matthias Hintze entführt und ein Erdloch gesteckt hatten, haben Galius auf dem Gewissen. Am Montag soll der Prozess vor dem Landgericht beginnen.

Die Hintze-Entführung hatten die Angeklagten Sergej Serow und Vjatscheslaw Orlow gestanden. Das Potsdamer Landgericht verurteilte die 41 und 30 Jahre alten Russen im Juni 1999 wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu jeweils 14 Jahren und sechs Monaten Haft.

Der Fall Hintze hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Ein Foto, das die Kidnapper an Hintzes Eltern schickten, zeigte den jungen Mann hilflos in einem Erdverlies . In diesem Versteck in einem Waldstück bei Röbel in Mecklenburg-Vorpommern ist Hintze kurz nach seiner Verschleppung im September 1997 erstickt. Drei Wochen später nahm eine Berliner Zivilstreife die beiden Russen fest. Zwei Tage darauf führte Serow die Ermittler zu dem Erdverlies, in dem der junge Mann qualvoll umgekommen war.

Zum Fall Galius haben Serow und Orlow bislang geschwiegen. Venjamin Galius, der Sohn des Computerfachmannes, hat lange nach seinem Vater gesucht und eine Belohnung ausgesetzt. Alles war vergeblich. Geblieben ist der Familie nur noch eine Hoffnung. "Primäres Ziel von Venjamin Galius ist es, im Prozess zu erfahren, wo sein Vater begraben wurde", sagte Axel Hodok, der die Familie in dem Verfahren vertritt.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Alexander Galius nicht mehr lebt. In der Anklage heißt es, die Angeklagten hätten ihn an seinem Arbeitsplatz in einem Charlottenburger Computergeschäft mit Äther betäubt und "an einen unbekannt gebliebenen Ort in der Umgebung Berlins gebracht, wo sie ihn in einem Erdloch vergruben." Dort sei Alexander Galius auf nicht aufgeklärte Art und Weise verstorben. Wie im Hintze-Verfahren wird Serow und Orlow erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge vorgeworfen, weil ein Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen sei.

Es waren die zahlreichen Parallelen zur Hintze-Entführung, die die Ermittler davon überzeugten, dass der Berliner Computerhändler ein weiteres Opfer der beiden Russen ist. In beiden Fällen wurde eine Million Mark Lösegeld gefordert. Wie Hintze musste Galius die Mitteilung über seine Verschleppung selbst auf Tonband sprechen. Außerdem wurde in beiden Entführungsfällen dieselbe Telefonzelle in Michendorf benutzt.

Die Verteidiger dagegen glauben, dass die Indizien für eine Verurteilung nicht ausreichen. Aus Sicht von Serow-Verteidiger Matthias Schöneburg steht der Prozess aber erst einmal vor einem anderen Problem. Weil sich Serow in der JVA Tegel ungerecht behandelt fühle, befinde er sich seit mehr als 40 Tagen im Hungerstreik und sei sehr geschwächt. "Der Prozess ist deshalb gefährdet", sagte Schöneburg.

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