Gallery Weekend Berlin : Wie in Berlin neue Kunstorte entstehen

Not macht erfinderisch: Der Freiraum wird knapp in Berlin – und doch entstehen zahlreiche neue Orte für die Kunst. Zum Beispiel die Box Freiraum in Friedrichshain, das Kunst Lager Haas und die Privaträume von Alexander Ochs.

von
Tanzen gehen. „At Luciano’s House“ (1973) ist ihm Rahmen der Retrospektive von Franz Gertsch im Kunst Lager Haas zu sehen.
Tanzen gehen. „At Luciano’s House“ (1973) ist ihm Rahmen der Retrospektive von Franz Gertsch im Kunst Lager Haas zu sehen.Foto: Balthasar Burkhard

Wasser läuft aus dem Gartenschlauch, ergießt sich über dünne Halme und bildet Pfützen im Hof. Eine Wiese wird auch dann noch nicht gewachsen sein, wenn die Ausstellung im angrenzenden Backsteinbau zu Ende geht. Box Freiraum heißt das gut versteckte Kleinod in Friedrichshain. Ein Stallung von 1893, in dem die Pferde über eine Rampe in den ersten Stock geführt und dort getränkt wurden, weil der Fuhrunternehmer es ebenerdig zu dreckig und kalt für seine Tiere fand.

Hier oben findet die erste große Schau statt, mit der dieser Kunstort an die Öffentlichkeit geht. Eigentlich hatte ihn die Architektin Carolina Mojto zum Umbauen erworben. Dann beschloss sie, das Gebäude als kulturelle Adresse zu erhalten; ein Teil ist nun an Künstler vermietet. Etwa an Markus Selg, der hier ein großes Atelier hat und das Kümmerbeet vor seinen Fenstern unverdrossen wässert. Die mittlere Etage wurde für Ausstellungen präpariert und bietet nun gleich zwei Kracher: eine Soloschau des britischen Künstlers Marc Quinn, der Fotografien politischer Auseinandersetzungen in Kiew und Istanbul als Motive für edle Tapisserien verwendet. Und eine Ausstellung mit Arbeiten zeitgenössischer syrischer Künstler, die dem Betrachter das zerstörte Land bestürzend nahebringen.

Die in der Box Freiraum präsentierten syrischen Künstler müssen jederzeit mit Verhaftung rechnen

Quinns metergroße Riots ausschließlich männlicher Jugendlicher, vermummt und vor brennender Kulisse, gegen die zarten Zeichnungen des 1951 geborenen Youssef Abdelke, der Pflanzen in enge Gefäße zwängt oder seine Stillleben mit roter Farbe tränkt – die Gewalt ist bei beiden anwesend. Und doch wird sie am Maidan oder auf dem Taksim-Platz auch für die Medien inszeniert, während die syrischen Künstler jede Chance für subtile Kritik nutzen – und deshalb jederzeit mit Inhaftierung rechnen müssen. In der Box Freiraum fügen sich die konträren Positionen zu einem so faszinierenden wie brüchigen Bild der Gegenwart. Wie aufwendig vor allem die Realisierung der Ausstellung „My voice rings out for Syria“ mit zwölf Künstlern war, von denen einige weiter in Syrien leben, ahnt man, wenn Kuratorin Lena Maculan von den abenteuerlichen Transporten der Werke erzählt.

Judy Lybkkes Galerie Eigen & Art bespielt ein Hinterhaus in der Torstraße

Es ist erstaunlich: Trotz schrumpfender Freiräume wächst Berlins Kunstszene immer noch. Verblüffend, wo diese Reserven mobil gemacht werden. Auf der Boxhagener Straße, mitten in Charlottenburg oder aber in den kleinen Industriearealen der Stadt. Und wenn einer vermeintlich aufhört wie Alexander Ochs im Herbst 2014 mit der Schließung seiner Kreuzberger Galerie, überrascht er anderswo mit einem neuen Format. Ochs unterteilt seine repräsentative Wohnung in der Schillerstraße in Lebens- und Ausstellungsraum, eröffnet Ausstellungen seither im privaten Kreis, hat aber feste Öffnungszeiten und zeigt zum Gallery Weekend Künstler, die ihn interessieren: Mwangi Hutter, Sven Drühl, Karsten Konrad oder Chris Newman. Und auch das experimentelle Lab der Galerie Eigen & Art ist umgezogen. Statt in der Ehemaligen Mädchenschule findet man es nun auf der Torstraße in einem Hinterhaus, dort, wo vor Kurzem noch Kampfsport gelehrt wurde.

Die Gummimatten aus dieser Zeit könnten noch in einem Nebenraum liegen. So wenig haben die beiden Direktorinnen Anne Schwanz und Johanna Neuschäfer verändert, dass man sich wie in einer Berliner Galerie der Neunzigerjahre fühlt. Wer Judy Lybke ein bisschen kennt, der weiß, wie sehr der renommierte Galerist diese Häutungen liebt. Hier ist Platz für die nächste Künstlergeneration, die teils noch an den Akademien studiert.

Das glatte Gegenteil formiert sich nahe dem S-Bahnhof Jungfernheide. Michael Haas, seit 1976 als Galerist in Berlin, hat sich enorm vergrößert und seine Räume in der Niebuhrstraße um ein Kunstlager ergänzt. Als es kürzlich mit einem Dinner eröffnet wurde, sah man Limousinen auf der Suche nach der neuen Adresse durch das Gewerbegebiet kriechen. Dabei ist der Showroom kaum zu übersehen. Haas öffnet ihn gewöhnlich nur für Sammler, während des Gallery Weekends aber für alle, die Lust auf eine großartige, museale Retrospektive von Franz Gertsch haben. Und auf seine hyperrealistischen Gemälde aus den Siebzigern, die den Schweizer berühmt gemacht haben. Darunter sind Leihgaben aus der Sander Collection oder dem Sprengel Museum – in einem Quartier, das man bislang nicht einmal aus dem Augenwinkel wahrgenommen hat.

Box Freiraum, Boxhagener Str. 96; Alexander Ochs Private, Schillerstr. 15; Eigen & Art Lab, Torstr. 220; Kunst Lager Haas, Lise-Meitner-Str. 7 – 9. Alle Orte haben Sa und So von 11–19 Uhr geöffnet.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben