Berlin : Gans kurz vorm Fest

Womit man spricht, das kann man nicht essen. Das zeigt Friedrich Wolfs „Weihnachtsgans Auguste“ Margit Bendokat ist die Erzählerin der szenischen Lesung mit Musik in der Box des Deutschen Theaters.

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Weiß wie Augustes Federn. Schauspielerin Margit Bendokat spielt in der Lounge des Deutschen Theaters fürs Foto Verstecken. Sie kennt Friedrich Wolfs Märchen „Die Weihnachtsgans Auguste“ sehr gut und ist als Erzählerin bei der szenischen Lesung dabei.
Weiß wie Augustes Federn. Schauspielerin Margit Bendokat spielt in der Lounge des Deutschen Theaters fürs Foto Verstecken. Sie...

Ist ein ganz schöner Oschi, diese Auguste. In freier Wildbahn erreichen Gänse in aller Regel keine Menschengröße, in der Box des Deutschen Theaters schon. Da steckt bei der szenischen Lesung „Die Weihnachtsgans Auguste“ Schauspielerin Natalia Belitzki im Gänsekostüm. Vier Mimen, eine fünfköpfige Band, eine trashige Bretterbude, ein zerzauster Tannenwald – das ist viel Federlesens um den Weihnachtsklassiker von Friedrich Wolf. 1946 ist die Geschichte im Sammelband „Märchen für große und kleine Kinder“ im Aufbau-Verlag erschienen, es folgten Fassungen als Hörspiel, Theaterstück und der längst Kult gewordene Defa-Film von 1988.

„Mir ist die Weihnachtsgans Auguste so lieb, dass ich sie jetzt wieder vorlese, obwohl ich das schon vor zehn Jahren hier gemacht habe“, sagt Margit Bendokat, die als Erzählerin dabei ist. Leise lächelnd sitzt sie in der Theaterbar, ihre eigene schön illustrierte Lieblingsausgabe des Buchs auf den Knien. Dass ihre vier Enkel in die Vorstellung kommen, gefällt ihr außerdem.

Margit Bendokat – das ist ein halbes Jahrhundert Theatergeschichte in einer Person. Seit 1965 ist die 1943 während des Bombenkrieges in Templin geborene Berlinerin fest am DT engagiert. 65 Rollen hat die Frau mit den mädchenhaft feinen Zügen und der Donnerstimme seither dort gespielt. Und im vergangenen Jahr heimste sie mit dem Berliner Theaterpreis und der Wahl zur Schauspielerin des Jahres in „Theater heute“ gleich zwei begehrte Auszeichnungen ein. Da könnte sie sehr stolz drauf sein, doch die komplett uneitle Person lächelt nur fein.

Wie eine gute Weihnachtsgeschichte sein muss? „Lustig “, sagt Margit Bendokat, der platte Lehren nach dem Motto „und die Moral von der Geschicht’“ zutiefst verdächtig sind. „Aber eine Haltung zum Leben haben, das muss sie schon.“

Da ist in dem Märchen um die Familie des Opernsängers Ludwig Löwenhaupt, der eine lebende Gans nach Hause bringt, die, als Festtagsbraten gedacht, von den Kindern als Haustier adoptiert wird und erstaunliche Fähigkeiten offenbart, natürlich was zu holen. Zum Beispiel die nicht nur zur Weihnachtszeit gültige Weisheit: Womit man spricht, das bringt man nicht um. Oder: Kauf deine Weihnachtsgans nicht im Supermarkt. Letzteres ist allerdings die private Interpretation von Margit Bendokat, die mit einer polnischen Supermarktgans mal ziemliches Pech hatte. „Da blieb nach dem Braten nur die Kruste und die Apfel-Zwiebel-Rosinen-Füllung und sonst nüscht.“

Sie feiert nicht zu Hause in Mitte, sondern bei ihren Töchtern, die mit ihren Familien in Zeuthen und Wildau leben. Bockwurst mit Kartoffelsalat, ihr Heiligabend-Essen aus Kindertagen, gibt es dort nicht. Sie bringt, wie immer, ihre Champignonsuppe mit Kalbfleisch mit und hinterher gibt’s wahrscheinlich Ente. „Gans will meine Tochter nicht.“ Als Kind war Bendokat der bunte Teller wichtig, jetzt sind es das Zusammensein, die Kerzen, der Kamin. „Und der Wein muss schmecken, und nicht zu wenig!“

Und dann weist sie verschmitzt darauf hin, dass es auch im wirklichen Leben Weihnachtsgänse gibt, die zu ähnlichem Ruhm kommen wie die Weihnachtsgans Auguste. Etwa die „Kanzlergans“ Doretta, deren Ende als Braten von Gerhard Schröders Frau und der Tochter verhindert wurde und ihr Gnadenbrot erst in Brandenburg und dann auf dem Rasen einen Altersheims in Zehlendorf fraß – als Therapiegans für Senioren. Offenbar haben die ihr öfter mal Klosterfrau Melissengeist eingeschenkt. Doretta verstarb nämlich mit zehn an Leberversagen.

Die Weihnachtsgans Auguste aus dem Defa-Film ist bedeutend zäher. Sie feierte neulich Geburtstag und schnattert jetzt schon 25 Jahre in Brandenburg herum. Sie wohnt im kleinen Dorf Marzahne bei Filmtiertrainer Michael Schweuneke. Allerdings heißt sie in echt August, ist ein Ganter und lebt in Lebenspartnerschaft mit einem anderen Ganter zusammen.

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