Berlin : Ganz andere Zahlen

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Herr Sarrazin sagt: „Es wird behauptet, dass das große Angebot an Oper und Theater in Berlin wichtig sei für den Tourismus. Die meisten Besucher hat die Stadt allerdings während der Theaterferien...“ Nehmen Sie als herausragendes Beispiel die WagnerFesttage der Staatsoper Unter den Linden im Frühjahr 2002: 51 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland.

Herr Sarrazin sagt außerdem: „Von den Gesamtkosten der drei Berliner Opern wurden 2001 lediglich 14,3 Prozent durch die Eintrittspreise abgedeckt, bei den staatlichen Theatern betrug der Kostendeckungsgrad durch Eintrittspreise lediglich 7,1 Prozent...“  Das Papier der Deutschen Opernkonferenz (DOK) 2002 (Untersuchungen und Empfehlungen zur geforderten Strukturreform der drei Berliner Opernhäuser) vermittelt ein differenzierteres Bild. Auf Seite 128 findet man folgende Zahlen für 2001: Kostendeckungsgrad Komische Oper:15 Prozent, Deutsche Oper: 18 Prozent, Staatsoper: 26,1 Prozent (Diese Zahl ist nicht korrekt, es sind 30 Prozent). Die Berliner Staatsoper Unter den Linden konnte den Kostendeckungsgrad im Jahr 2002 auf 36,8 Prozent erhöhen. Die pauschale Einschätzung einer „unzureichenden Auslastung“ verbietet sich hier, die Staatsoper hatte im Jahr 2001 eine Auslastung von 85 Prozent, 2002 waren es bereits 87 Prozent bei in Berlin allgemein rückläufigen Besucherzahlen.

Der durchschnittliche Kartenerlös pro Zuschauer in der Berliner Staatsoper liegt im Jahre 2002 – im Gegensatz zu den Angaben des Finanzsenators – bei 44 Euro.

Herr Sarrazin sagt: „Deutschland hat eine besondere Tradition staatlich subventionierter Kultur, und Berlin ist in dieser Hinsicht besonders deutsch.“ Die Deutsche Opernkonferenz stellt im oben erwähnten Papier fest: Das Berliner Operngeschehen ist mit 35,4 Euro pro Einwohner angemessen subventioniert. (Durchschnitt vergleichbarer Städte 33,4 Euro, Dresden 74,5 Euro).

Herr Sarrazin sagt: „Ohne die strukturellen Mehrausgaben für Kultur hätte Berlin heute 3,6 Milliarden Euro Schulden weniger und müsste Jahr für Jahr 180 Millionen Euro weniger Zinsen zahlen.“ Um mal ähnlich zu informieren: Ohne den Bankenskandal hätte Berlin 3,5 Mrd. Euro Schulden weniger. Der Gesamtetat der drei Berliner Opernhäuser entspricht den Zinszahlungen Berlins für etwa drei Wochen. Peter Mussbach, Intendant der Staatsoper Unter den Linden, sagte im Interview (Tagesspiegel vom 29. März): „Das Problem von Herrn Sarrazin ist: Er erkennt nicht, dass es Aufgabe der Politik ist, den mentalen Verfall der Gesellschaft aufzuhalten. In der Verfassung ist festgeschrieben, dass Kultur eine Staatsaufgabe ist.“ Robert Seltrecht,

Mitglied der Staatskapelle Berlin

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