Berlin : Ganz nah ran an junge Serientäter

Ein Schöneberger Versuch setzt auf Früherkennung. In Kreuzberg konzentriert man sich auf jene, die schon zahlreiche Delikte begangen haben

Volker Eckert

JUGENDLICHE GEWALTTÄTER: WAS POLIZEI UND BEZIRKE TUN KÖNNEN

Sawis J., der vor einer Woche fünf Lehrer auf dem Schulhof verprügelte, soll bereits mit 9 Jahren seine erste Körperverletzung begangen haben. Er ist kein Einzelfall. Auch Oskar ist gerade mal 12. Er hat in der Umgebung von Schöneberger Schulen immer wieder Kinder und Jugendliche abgezogen, ihnen Gewalt angedroht und Handy oder Geld abgenommen – bis das Schöneberger Präventions- und Ermittlungsteam von ihm erfuhr. Damit hören die Gemeinsamkeiten auf.

Gerade mal vier Leute arbeiten in dem Schöneberger Polizei–Team. Das Rezept: Nicht warten, bis Straftaten begangen werden, sondern so früh wie möglich auf gefährdete Jugendliche zugehen. Das funktioniert nur, weil die Beamten sich ein Netz von Ansprechpartnern im Kiez aufgebaut haben: die Schulen, das Jugendamt, Quartiersmanager, Bezirkspolitiker, Ausländerbehörde. Dadurch erfährt die Polizei früh von sich anbahnenden Problemfällen. „Es reicht nicht, einen Stempel unter die Akte zu machen und sie an den Staatsanwalt abzugeben“, sagt Henry Maiwald, der Chef des Teams. Die Polizei müsse weg davon, immer erst zu warten, bis etwas passiert ist.

Schon wenn Maiwald von kleinen Gruppen von Pubertierenden hört, die durch Pöbeleien oder Randale auffallen, nehmen seine Kollegen die Spur auf. Die Polizei informierte im Fall von Oskar das Jugendamt, gemeinsam mit der Polizei wurde der Junge zum Gespräch geladen. Dem polnischstämmigen Jungen, der im Sozialpalast in der Pallasstraße lebt, wurde klar gemacht, dass man ihn genau beobachte. „Der kam nicht damit klar, dass er keinen Vater mehr hatte“, erzählt Henry Maiwald. Mit dem Jugendamt brachte man Oskar im Projekt „Fallschirm“ unter, wo sein Talent für Breakdance zutage kam. Das war vor einem Jahr, seitdem ist Oskar nicht wieder aufgefallen.

Das Schöneberger Team wurde 1997 gegründet und arbeitete anfangs in der Drogenbekämpfung, inzwischen hat sich das Aufgabenfeld erweitert. Vor kurzem traf sich Maiwald mit Polizeipräsident Dieter Glietsch. Jetzt ist geplant, das Modell auch auf andere Problem-Kieze auszudehnen.

Aber funktioniert das Modell auch in Fällen, bei denen Jugendliche schon eine kriminelle Karriere mit einer Vielzahl von Delikten haben? Die Polizei setzt in diesen Fällen offenbar stärker auf das Modell „Komtes“, das seit Jahren in Kreuzberg und Neukölln praktiziert wird. Auch hier wird kiezorientiert gearbeitet und auch hier ist die Polizei nah dran an den jugendlichen Problemfällen. Die Grundidee: Jeweils ein Beamter ist zuständig für einige bestimmte Täter. Die Zielrichtung der Arbeit ist aber eine andere. Nach Darstellung des zuständigen Leiters Verbrechensbekämpfung, Carsten Wend, widmet sich „Komtes“ besonders jugendlichen Serientätern. Sachbearbeiter Frank-Michael Begerow hatte zuletzt mit einer Jugendbande im Kiez Mittenwalder Straße zu tun: Dabei ging es um Drogen, Diebstahl, Raub und schwere Körperverletzung. 36 Mitglieder – Türken, Libanesen und Araber – wurden angeklagt, acht Jugendliche Ende vergangenen Jahres verurteilt. Vor Gericht standen unter anderem ein 17-Jähriger mit 24 Straftaten, ein 19-Jähriger hatte 42 Delikte begangen.

Die Verurteilungen sind für Begerow ein Erfolg. Für pädagogische Arbeit sei es bei diesen Leuten zu spät: „Die können wir nicht mehr erreichen.“ Deshalb hält er auch wenig von Sozialarbeitern, „die denen erstmal eine Tasse Kaffee anbieten“. Zu den Urteilen kam es, weil Begerow und seinen Kollegen einen aus der Bande zum Aussteigen bewegen konnten. Der 18-Jährige packte aus. Verurteilt wurde er trotzdem: Er bekam eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe.

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