Berlin : Ganz ohne Döner

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Die Leibwache des Sultans – klar, dass die bei der ersten türkischen Parade in Berlin auch dabei war. Trommelnd, aber weiß Allah nicht ganz so grimmig dreinblickend wie ehedem die wirklichen Janitscharen, zogen die Elitekriegern am Sonnabend mit rund 10 000 anderen Türken durch den Tiergarten.

„Türk Günü“: der türkische Tag. Weite Gewänder, Farbenpracht nicht zu knapp, Schleier, Volkstänze und Musik. Trachten aus allen türkischen Regionen vom Mittel- bis zum Schwarzen Meer, vom Bosporus bis Anatolien. Und Fahnen. Rote Fahnen mit weißem Halbmond und Stern. Deutsche Fahnen, auch die nicht zu knapp. Denn die Veranstalter der Parade, die in New York schon eine langjährige Tradition hat, wollten im 41. Jahr der Anwerbung von Gastarbeitern die Botschaft vermitteln, dass die deutschen Türken sich als ein Teil dieser Gesellschaft fühlen. 25 Vereine aus Berlin machten mit, dazu 1200 aus vielen anderen Bundesländern. Einige Wagen fuhren auch mit – wie beim Karneval der Kulturen oder der Love Parade. Nur die Schaulustigen, besonders die Deutschen, die fehlten an diesem neuesten Termin im Berliner Fest-Sommer noch ein wenig. Vielleicht kommen im nächsten Jahr mehr: Der Türk Günü soll nämlich keine einmalige Sache gewesen sein.

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) und die Ausländerbeauftragte Barbara John immerhin waren dabei. Vor dem Brandenburger Tor gab es bis zum Abend ein buntes Programm mit Reden, Musik und Tanz. Imbiss-Stände waren allerdings nicht erwünscht. Das Döner-Klischee sollte wohl die vorgeführte Vielfalt der türkischen Kultur nicht gleich wieder überdecken.

„Ein toller Erfolg“, freute sich als Mitveranstalter der Präsident der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Taciddin Yatkin. Das deutsch-türkische Spektakel sei weder religiös noch politisch motiviert: „Wir gehen für ein friedliches und kulturelles Miteinander auf die Straße.“ Die bisher größte türkische Veranstaltung in Deutschland soll ein Zeichen für Toleranz und Integration setzen.

Eigentlich war der Festumzug schon für den Herbst vergangenen Jahres geplant, wurde jedoch wegen der Terroranschläge in den USA verschoben. Denn es war am 30. Oktober 1961, als das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet worden. Kurz darauf kamen die ersten „Gastarbeiter“ aus dem Land an der Ägäis nach Deutschland. „Heute sind wir keine Gastarbeiter mehr und auch keine Gäste“, betonte Yatkin. „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Mehr als vierzig Jahre nach dem Eintreffen der ersten leben in der Bundesrepublik bereits rund 2,1 Millionen Türken, viele von ihnen schon in zweiter oder dritter Generation. Mit 127 000 Mitgliedern ist die Berliner türkische Gemeinde die größte außerhalb des Mutterlandes.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) überbrachte zur Premiere der Parade ein Grußwort. Es sei an der Zeit, das „freundschaftliche Zusammenleben von Deutschen und Türken“ zu feiern. Für viele sei Deutschland zur Heimat geworden, türkische Kultur und türkisches Brauchtum stellten eine Bereicherung dar. „Deutschland hat Ihnen viel zu verdanken“, sprach der Kanzler die hier lebenden Türken direkt an. Allerdings dürfe auch Integration nicht zu kurz kommen, wozu beispielsweise gute deutsche Sprachkenntnisse zählten. how/suz/dpa

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