Berlin : Ganz unbemerkt an die Spitze

Das Geheimnis der Freien Universität: Sie hat in den letzten Jahren die Humboldt-Uni überholt – jetzt ist sie die einzige Berliner Elite-Kandidatin

Tilmann Warnecke

Die Freie Universität ist in der ersten Runde des Elite-Wettbewerbs als einzige Berliner Uni in der Königsdisziplin weiter, die Humboldt-Uni muss ihren Anspruch auf den Elite-Status zunächst begraben – dieses Ergebnis des Vorentscheids vom Freitag ist für viele überraschend. Galt die FU doch vielen als hoffnungslose, von den Linken dominierte Massenuni, während die HU schon zur Elite-Uni ausgerufen wurde, als es den Wettbewerb noch gar nicht gab.

Tatsächlich hat die Dahlemer Uni in den letzten Jahren fast unbemerkt zur Humboldt-Uni aufgeschlossen – und sie in einigen Bereichen sogar überholt. Unter Experten gilt die FU als dynamischere Uni: Sie belohnt als eine der ersten deutschen Hochschulen Fachbereiche, die sich verbessern, mit mehr Geld. Ihr Fundraising in den USA gilt als vorbildlich. Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind eine Stärke der FU, genauso die Chemie und die Erziehungswissenschaften.

21 Millionen Euro im Jahr könnte die FU bekommen, falls sie im Oktober tatsächlich Elite-Uni wird. Im Vergleich mit Budgets amerikanischer Elite-Unis wie Harvard, das jährlich 2,8 Milliarden Dollar ausgibt, ist das wenig. „Doch für eine deutsche Uni sind 21 Millionen Euro viel Geld“, sagt FU-Präsident Dieter Lenzen. Das Land Berlin überwies der FU mit 35 000 Studenten im letzten Jahr 291 Millionen Euro – und der Zuschuss sinkt von Jahr zu Jahr.

Zusätzliche Millionen sind da ein Segen, zumal der Präsident sie gezielt für einzelne Vorhaben einsetzen könnte. Die FU will ihre internationalen Kontakte ausbauen, heißt es in ihrem Antrag für den Elite-Status, in dem die Unis erklären müssen, wie sie ihre Spitzenstellung ausbauen wollen. Die FU könnte mit dem Geld Außenstellen und Talent-Scouts bezahlen, um systematisch ausländische Spitzenkräfte anzuwerben. „Dazu kommt: Wer internationale Spitzenkräfte engagieren will, muss sie sehr viel besser bezahlen als jetzt“, sagt Lenzen.

Die Humboldt-Uni dagegen ist jetzt wie die Technische Uni nur noch in den beiden unwichtigeren Wettbewerben um Forschungsvorhaben und Doktorandenschulen vertreten – und muss befürchten, dass sie auch da erst mal leer ausgeht. Denn auch in diesen Wettbewerben fällt die endgültige Entscheidung erst im Oktober. Für die nächste Runde im prestigeträchtigsten Elite-Wettbewerb kann sie sich erst wieder im Herbst bewerben.

Das Zwischenergebnis spiegele nicht den wahren Leistungsstand der Uni wider, sagt ihr ehemaliger Präsident Jürgen Mlynek, der jetzt Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft ist: „Das Potenzial ist bei der Humboldt-Uni da, um im Elite-Wettbewerb zu bestehen.“ Tatsächlich sieht das Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung die HU sogar vor der FU. Stark an der HU sind neben den Geisteswissenschaften auch die Volkswirtschaftslehre sowie die Physik und die Biologie.

Das Scheitern der Humboldt-Universität lag an dem ungenügenden Antrag der Uni, sagte der gerade gewählte Präsident Christoph Markschies. Beim nächsten Mal müsse der Antrag „deutlich wissenschaftlich profilierter“ ausfallen. „Ich bin sicher, dass die Humboldt-Uni im zweiten Anlauf in der Königsdisziplin dabei sein wird“, sagt Vorgänger Mlynek.

Bei der zweiten Vergaberunde können sich alle Unis für alle Wettbewerbe neu bewerben. Sie starten bei null – egal, ob sie in der ersten Runde schon im Vorentscheid rausgeflogen sind, erst im Endentscheid ehrenvoll scheitern oder womöglich überhaupt nicht angetreten waren.

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