Berlin : Ganz vielleicht

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Die Regierungserklärung zu Beginn einer Amtsperiode ist traditionell eine große Stunde im Parlament. Davon war allerdings dieser Tage im Abgeordnetenhaus kaum etwas zu spüren. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit trug ohne rhetorischen Glanz die politischen Ziele des SPD/PDS-Senats vor. Die Opposition war natürlich unzufrieden; in der anschließenden Debatte flogen die Fetzen. „Diese Regierung hat schon fertig, bevor sie überhaupt angefangen hat“, meinte Volker Ratzmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen.

Sollte man sich nun über die Polemik amüsieren? Womöglich dachte Ratzmann an den legendären Wutausbruch des einstigen Fußballtrainers des FC Bayern München, Giovanni Trapattoni, der 1998 über die Leistung seiner Spieler schimpfte. „Ich habe fertig“, sagte der Italiener am Ende seiner Philippika („ware schwach wie eine Flasche leer“). Alles lachte damals über den komischen Ausspruch, der zum geflügelten Scherzwort wurde. Schließlich nimmt man einem Ausländer das holprige Deutsch nicht übel.

Was aber soll originell daran sein, aus dem Zitat bewusst falsches Deutsch abzuleiten? Nichts gegen polemischen Witz, aber er taugt nur, wenn er blitzt. Auf der Zuschauertribüne saß zu dieser Zeit eine Gruppe Schüler, für die solche sprachlichen „Vorbilder“ natürlich Gift sind. Und Ratzmann hatte gerade erst betont: „Wer Chancen- und soziale Gerechtigkeit herstellen will, muss die Bildungsqualität verbessern.“ Na eben!

„Die heiße Luft der ersten Legislatur ist verbraucht“, sagte der Grünen-Fraktionschef. Gemeint war die erste Wahlperiode des rot-roten Senats. Die Legislatur wäre ja nur die Gesetzgebung (von lateinisch lex, Gesetz). Doch die Verkürzung der Wahl- oder Legislaturperiode zur Legislatur scheint sich einzubürgern. „Dieser Senat hat den Mut zu Veränderungen ..., dieser Mut wird auch die neue Legislatur prägen“, sagte Wowereit. So viel zur Amputation von Begriffen aus purer Bequemlichkeit. Offenbar versagt „unserseits“ (fett gedruckt im Redemanuskript Ratzmanns) das Sprachgefühl. Die seltsamen Wortschöpfer „ihrseits“ merken den Unsinn gar nicht. Oder „nur ganz vielleicht“, wie Michael Schäfer (Grüne) in anderem Zusammenhang bemerkte.

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