Berlin : „Ganztagsschule muss freiwillig sein“

Landeselternausschuss wehrt sich gegen von oben verordnete Rundum-Betreuung – Bildungssenator Böger gibt elf weitere Standorte bekannt

Susanne Vieth-Entus

In den nächsten Tagen will Bildungssenator Klaus Böger (SPD) bekannt geben, welche zusätzlichen Grundschulen mit Bundesmitteln zu Ganztagseinrichtungen ausgebaut werden. Elf von dreißig angestrebten Standorten stehen noch aus. Während viele Eltern das neue Ganztagsangebot begrüßen, gibt es allerdings auch Familien, die sich gegen eine „von oben“ verordnete Ganztagsbetreuung wehren. Der Landeselternausschuss fordert deshalb, die Einzugsbereiche für die Ganztagsschulen aufzuheben, damit die Familien die Wahl haben. Es gebe „große Vorbehalte“ gegen ein aufgezwungenes Ganztagsangebot, berichtet André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Dies sei dann der Fall, wenn ein Elternteil gar nicht oder nur halbtags arbeite, oder wenn es in der Nähe einen schönen Schülerladen gebe. Zudem wollten viele Familien auch erst einmal abwarten, ob die Schule überhaupt ein gutes Ganztagskonzept anbiete. Deshalb müsse man es den Eltern überlassen, welche Schulform sie wählen und die Einzugsbereiche für die Ganztagsschulen aufheben. „Ganztagsschule muss freiwillig sein“, betont er.

In einigen Bezirken gibt es die Freiwilligkeit schon. Erik Schrader, FDP-Volksbildungsstadtrat von Steglitz-Zehlendorf, betont, dass er bereits die Einzugsbereiche aufgehoben habe. Er hat bei Böger beantragt, dass Kronach- und Buschgraben-Grundschule zu Ganztagsschulen werden. Wenn die Eltern dieses Angebot nicht wünschen, können sie an nahe gelegene Standorte ausweichen, die nur eine Halbtagsbetreuung anbieten.

Probleme gibt es allerdings in Schöneberg-Nord. Dort hat Volksbildungsstadtrat Dieter Hapel (CDU) derart viele GanztagsGrundschulen aufgemacht, dass Kinder, die nur eine Halbtagsbetreuung bekommen sollen, weite Wege zu entsprechenden Schulen in Kauf nehmen müssen. Gegenüber dem Tagesspiegel kündigte Hapel allerdings an, dass er unter Umständen bereit wäre, auch so genannte teilgebundene Schulen zuzulassen. Dies würde bedeuten, dass die Familien die Wahl hätten, entweder nur bis mittags oder bis abends ihre Kinder betreuen zu lassen. „Wir machen nichts am Bedarf der Eltern vorbei“, versichert Hapel.

Neuköllns Volksbildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) setzt ausdrücklich auf Freiwilligkeit. „Warum soll ich ohne Not Entscheidungen gegen die Eltern treffen?“, fragt er. Er hat als ehemaliger Leiter der Moabiter Kurt-Tucholsky-Grundschule jahrelange Erfahrungen mit dem „teilgebundenen“ Angebot gemacht. „Es ist zu respektieren, wenn Eltern ihre Kinder um 13 Uhr zu Hause haben wollen“, sagt Schimmang. Zudem sei es wichtig, nicht die Bindung an Sport- oder andere Vereine zu zerstören.

Viele Eltern hegen auch aus finanziellen Gründen Vorbehalte gegen die Ganztagsschule. Zwar ist die Betreuung an sich kostenlos, für das Mittagessen werden allerdings rund 40 Euro im Monat fällig. Ausgerechnet Migrantenkinder, deren Integration man mit der Ganztagsschule erleichtern wollte, werden etwa in Kreuzberg bereits von Ganztagsgrundschulen abgemeldet, weil die Familien vor den 40 Euro zurückschrecken.

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