Berlin : Ganztagsschulen: Eltern befürchten schlechte Betreuung

Der Protest gegen geplante Schließung von Horten und Kitas wird heftiger. Kritik an Planungschaos

Claudia Keller

Berliner Väter und Mütter greifen zu immer drastischeren Mitteln, um auf die Probleme bei der Umstellung der Grundschulen auf Ganztagsbetrieb aufmerksam zu machen. Am Dienstag wollten sich Eltern am Zaun der Kita in der Filandastraße in Steglitz anketten, um gegen deren geplante Schließung zu protestieren. Die Ketten kamen dann doch nicht zum Einsatz, nachdem der Bezirk zugesichert hatte, dass die Kita offen bleibt – auch nach dem 1. August 2005. Am Dienstagabend kamen 200 Eltern, Lehrer und Erzieher aus ganz Berlin in die Kronachschule in Lichterfelde, um Bildungsstaatssekretär Thomas Härtel, Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) und SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter zweieinhalb Stunden lang ihre Wut und ihre Verunsicherung an die Köpfe zu schleudern.

Die meisten treibt die Frage um, was mit den Horten, Kitas und Schülerläden wird, wenn sich künftig die Grundschulen auch nachtmittags um die Kinder kümmern. Im Westteil der Stadt müssen bis August nächsten Jahres 30000 privat und öffentlich finanzierte Hortplätze an Grundschulen verlagert werden. Im Ostteil ist das Problem kleiner, da sind schon jetzt viele Horte an den Schulen. Viele Eltern wissen nicht, wo sie die Erstklässler anmelden sollen, in der Schule oder im Hort? Andere wollen wissen, ob sich ihre Kinder in einem Jahr an neue Erzieher gewöhnen müssen oder ob alle Erzieher mit an die Schulen gehen? Viele Väter und Mütter können es nicht fassen, dass ihr seit Jahren in Eigeninitiative liebevoll aufgebauter Schülerladen geschlossen werden soll – zugunsten einer, wie sie fürchten, schlechteren Betreuung in der Schule. „Da werden bestehende Strukturen zerstört, bevor neue da sind“, schimpfte ein Vater aus Kreuzberg. Er überlegt, sein Kind auf eine Privatschule zu schicken.

Aber nicht nur die Eltern sind verunsichert: Viele Erzieher wissen nicht, wo sie in einem Jahr arbeiten – und sie haben Angst, im Lehrerkollegium nicht akzeptiert zu werden. Fest steht bisher nur: Wenn Schüler künftig bis 16 Uhr in den Schulen bleiben, werden in den Kitas Plätze frei. Städtische Kitas werden zusammengelegt, manche geschlossen. Welche, das ist noch nicht klar. Gleichzeitig sollen die Erzieher, die in den Kitas bleiben, ab kommendem Schuljahr die Aufgaben übernehmen, die bisher die Vorklassen an den Schulen erfüllen. Die Vorklassen werden abgeschafft. Die privaten Kitas und Schülerläden müssen entscheiden, ob sie mit den Schulen zusammenarbeiten oder sich in der vorschulischen Bildung engagieren wollen.

„Keine Reform geht ohne Verunsicherung ab“, sagte Bildungsstaatssekretär Härtel. Wichtig sei, dass ein Prozess in Gang gekommen ist. Klar ist für ihn, „dass es keinen Sinn macht, neben den Ganztagsschulen noch Horte zu haben“. Das gelte auch für die Schülerläden. Um die Zusammenarbeit zwischen Kitas, Schulen und Jugendämtern zu verbessern, seien in allen Bezirken „Steuerungskreise“ eingesetzt worden. Dass nicht alle Schulen gleich viel Geld für die erforderlichen Umbauten zum Ganztagsbetrieb bekommen, erklärte er damit, dass die Wünsche aller Schulleiter 233 Millionen Euro kosten würden, aber nur Mittel von 163 Millionen zur Verfügung stünden. „Man muss Schwerpunkte setzen.“

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