Berlin : Gas ist Vattenfall zu teuer

Eine Diskussion über das neue Steinkohlekraftwerk und seine Alternativen

Stefan Jacobs

Der Energieversorger Vattenfall sieht trotz massiver Proteste offenbar keine realistische Alternative zum Neubau eines Steinkohlekraftwerks in Lichtenberg. Auf einer von den Bündnisgrünen initiierten Podiumsdiskussion am Mittwochabend im Abgeordnetenhaus erklärte Vattenfall-Vorstand Hans-Jürgen Cramer: „Wir können uns durchaus auch vorstellen, an diesem Standort Gas einzusetzen“ – und fügte im selben Atemzug hinzu, dass Gas zurzeit selbst für Großkunden nicht zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen zu bekommen sei.

Neben der Frage, wie groß das Werk sein soll und muss, ist der Brennstoff der wichtigste Streitpunkt zwischen den Beteiligten. Von ihm hängt die Klimaschädlichkeit der Anlage ab: Für eine Kilowattstunde Energie aus Steinkohle werden rund 750 Gramm Kohlendioxid in die Luft geblasen, bei Erdgas nur knapp halb so viel. Außerdem ließe sich Erdgas mit klimafreundlichem Biogas, etwa aus pflanzlichen Abfällen, mischen.

Energieexperte Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe drohte Vattenfall mit einer „beim Berliner Publikum sehr erfolgreichen Stromwechsel-Kampagne“ für den Fall, dass das Unternehmen an den Steinkohleplänen festhält. Nach Angaben von Vattenfall würde das Kraftwerk jährlich 4,1 Millionen Tonnen CO2 in die Luft pusten; unabhängige Experten rechnen mit fünf Millionen Tonnen. Das wären 20 Prozent aller Berliner Emissionen des Treibhausgases. Nach Ansicht von Rosenkranz wäre ein Kohlekraftwerk zwar kurzfristig rentabler, könnte aber durch den Emissionshandel später unwirtschaftlich werden, wenn sich Vattenfall die Genehmigung für den Klimakiller teuer erkaufen oder ersteigern müsste.

Für den Einsatz erneuerbarer Energien eignet sich Berlin nach Darstellung der Vattenfall-Manager nur eingeschränkt: Die Bodentemperatur (Erdwärme) sei relativ niedrig, die Sonne nicht so intensiv wie in Süddeutschland, der Wind schwächer als an der Küste. Dagegen verfüge Berlin über Europas größtes Fernwärmenetz, in das sich die bei der Stromerzeugung ohnehin entstehende Wärme einspeisen ließe. Für diese effektive Brennstoffnutzung bieten sich nur stadtnahe Kraftwerke an. Obendrein werde das neue Kraftwerk so konstruiert, dass das CO2 eines Tages aus dem Abgas abgetrennt und in unterirdische Hohlräume gepumpt werden könne. Allerdings ist fraglich, ob diese Technik jemals praktisch funktioniert und bezahlbar wird.

Felicitas Kraus von der bundeseigenen Deutschen Energieagentur betrachtete das Dilemma aus einer anderen Perspektive: Bis zu 70 Prozent des deutschen Wärmebedarfs ließen sich bis 2020 nur durch konsequente Dämmung von Gebäuden einsparen. In Berlin dürfte das Potenzial eher noch höher liegen, weil hier der Energieverbrauch – gegen den Bundestrend – sogar noch steigt. Und die mit Abstand größten Energiefresser sind die Heizungen und Warmwasserbereiter in privaten Haushalten.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben