• Gasanschlag: Die Bewohner der Herderstraße 6 ahnten nicht, dass ein kleiner Streit möglicherweise in einer Wahnsinnstat gipfelte.

Berlin : Gasanschlag: Die Bewohner der Herderstraße 6 ahnten nicht, dass ein kleiner Streit möglicherweise in einer Wahnsinnstat gipfelte.

Thomas Loy

Das Haus hat seine Integrität verloren, sagt der Büchermensch, der auch Wissenschaftler und Theologe ist und daher etwas von der geistigen Aura eines Gebäudes versteht. "Das ist wie mit einem Unfallwagen." Vor zwei Monaten erst hat er sich eine kleine Wohnung im Seitenflügel gekauft, 2. Stock, als Ersatzquartier für die ausufernde Bibliothek.

Wegen des zerstörten Urvertrauens, der weggeblasenen Unerschütterlichkeit und Unantastbarkeit würde er nicht gleich ausziehen, aber die Sorge einiger Nachbarn, in einem Haus zu leben, das knapp einem Attentat entronnen ist, die versteht er schon. Der junge Büchermensch ist aber auch Pragmatiker. Die Explosion habe den überflüssigen Schornstein zerfetzt. Das macht ihm das Renovieren einfacher. Und nachher, da ist er sich sicher, werde das Haus schöner aussehen als vorher. "Das ist doch immer so."

Am Tage zwei nach der Beinahe-Katastrophe gleicht die Herderstraße schon wieder einer ruhigen Stadtnische für Schöngeistige und Genießer. Die Eingänge im Erdgeschoss sind mit Brettern vernagelt, entspannte Bereitschaftspolizisten lesen Zeitung und bewachen den Eingang. Radfahrer bummeln gelassen durch die eigentlich abgesperrte Straße. Einige Mieter holen Wäsche ab oder die schon gepackten Koffer für eine Reise. Sagen möchten sie nichts, weil es nichts zu sagen gibt über ein ganz normales Haus, in dem friedliche Bürger mehr oder weniger anonym nebeneinander her leben.

Einmal im Jahr trafen sich die Eigentümer mit dem Hausverwalter und nahmen gestiegene Kostenrechnungen zur Kenntnis, stritten sich über Kleinigkeiten und gingen wieder auseinander. Einige überließen dem Verwalter eine Vollmacht und blieben gleich zu Hause. Den gerichtlich ausgefochtenen Streit zwischen der Hausverwaltung und dem mutmaßlichen Täter, Lothar Terletzki, nahmen viele gar nicht wahr.

"Keine Freunde, kein Besuch, schweigsam, mufflig, ungepflegt", fällt Rainer O., der im zweiten Stock des Vorderhauses wohnt, zu Terletzki ein. In den letzten Jahren sei er wohl sozial abgestürzt, mitsamt seiner Frau, die wohl Alkohol getrunken habe. "Die hat sich auf der letzten Eigentümerversammlung mit dem Verwalter angelegt. Sie fanden wohl keinen Ausweg mehr aus ihrer Situation."

Eine spontane Wahnsinnstat schließt er aus. "Der ist Handwerker und weiß, was er tut." Rainer O. wartet draußen auf die Freigabe seiner Wohnung und macht sich über die Fragen der Journalisten lustig. Mit Humor verdrängt er das Nachsinnen, was hätte sein können, wäre das Haus einfach in sich zusammengebrochen. "Heute Nacht habe ich mir mal überlegt, was da passiert ist, wie so eine Druckwelle kurz den Boden anhebt, dann durch den Hausflur zieht, die Türen aufsprengt, durch den Schornstein bis zum Dach gelangt." Für ihn, der im Bett lag, war es nur ein kurzes lautes "Wumm" und danach Stille.

In seinem Auto wäre es ihm womöglich schlechter ergangen. Glasteile seien wie Geschosse durch das Blech gefahren. Da sei nichts mehr zu reparieren. Passanten, die von der Explosion gehört haben, wundern sich, dass das Haus noch steht. Wera T., deren Sohn der Büroraum im Erdgeschoss gehört, hat sich die Schäden angeschaut. "Das sieht wüst aus." Von Querelen innerhalb der Hausgemeinschaft weiß sie nichts. Dass jemand das Gebäude mal in die Luft sprengen würde - oder es zumindest versucht - das befand sich bisher außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

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