Gaslaternen geben Vollgas : Sie leuchten in der Nacht - und auch am Tag

In vielen Straßen brennen die alten Gasleuchten rund um die Uhr. Die Reparatur zieht sich hin, die Umrüstung auf elektrischen Betrieb ebenso.

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Das Gaslaternen-Freilichtmuseum zwischen Schleuseninsel und der Straße des 17.Juni in Berlin-Tiergarten.
Das Gaslaternen-Freilichtmuseum zwischen Schleuseninsel und der Straße des 17.Juni in Berlin-Tiergarten.Foto: Thilo Rückeis

Gaslaternen bereichern das Stadtbild, aber machen die Stadt ärmer. Denn die Lampen sind Energiefresser und Klimaschädlinge. Das gilt zurzeit mehr denn je, denn viele leuchten nicht nur während der kurzen Nächte, sondern rund um die Uhr – also täglich etwa 17 von 24 Stunden völlig umsonst. Genau genommen produzieren sie zu mehr als 95 Prozent Wärme und nebenbei ein bisschen Licht, sind also noch ineffizienter als klassische Glühlampen. Wie viele Gaslaternen ständig eingeschaltet sind, teilt der vom Senat beauftragte Betreiber Vattenfall nicht mit. Aber es dürfte stadtweit mindestens um einige hundert gehen, wenn nicht um tausende. Teils sind nur einzelne Exemplare betroffen, aber vor allem in den westlichen Bezirken auch ganze Straßenzüge.

Nach Auskunft von Vattenfall sind massenhaft Dämmerungsschalter kaputt, die die Gaslaternen steuern. Die Ersatzteilbeschaffung für die alten Leuchten sei langwierig. Bis zum Einbau neuer Schalter würden die Gaslaternen auf Dauerbetrieb gestellt, um die nächtliche Verkehrssicherungspflicht zu erfüllen. Die einzig mögliche Alternative wäre Dauer-Aus.

Daniel Buchholz, Umweltexperte der SPD-Fraktion, reagierte auf das Problem kürzlich mit einer Presseerklärung. Unter dem Titel „Energie- und Kostenschleudern endlich abstellen!“ teilte er mit, dass Vattenfall „auch die Kosten der unnötigen Tagesbeleuchtung trägt“ und „wir Steuerzahler nur für die nächtliche Beleuchtung zahlen, nicht aber für das unerwünschte Dauerlicht“. 3000 neue Dämmerungsschalter seien bestellt, „ab Mitte Juni bis Ende des Jahres werden Teillieferungen erwartet“. Vattenfall bestätigt die Ersatzteilbestellung „im Auftrage der Senatsverwaltung“.

An vier Stellen in Berlin die Umgebungshelligkeit gemessen

Was SPD-Mann Buchholz nicht schrieb: Der von der Stadtentwicklungsverwaltung seit bald zehn Jahren geplante Ersatz der meisten Gaslaternen durch elektrische kommt nur langsam voran. „Wesentliche Teile der Beleuchtung haben die wirtschaftliche Lebensdauer überschritten und müssen als überaltert angesehen werden“, teilte die Behörde schon 2007 dem Abgeordnetenhaus mit. Bis 2020, wenn Berlin sein nächstes Klima-Etappenziel erreichen will, sollen mehr als 90 Prozent der einst 44 000 Gasleuchten auf Strombetrieb umgerüstet sein. Tatsächlich sind allerdings erst knapp 10 000 ersetzt worden – ganz überwiegend die sogenannten Gas-Reihenleuchten mit ihren Peitschenmasten, die vor allem an vielen Hauptverkehrsstraßen in den westlichen Bezirken stehen.

Es bleibe Licht. Historische Laternen wie dieser Kandelaber sollen von Gas auf Strom umgerüstet werden.
Es bleibe Licht. Historische Laternen wie dieser Kandelaber sollen von Gas auf Strom umgerüstet werden.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Während der Austausch der Reihenleuchten nach Auskunft der Stadtentwicklungsverwaltung bis zum Frühsommer abgeschlossen sein soll, ist die Umrüstung der anderen, fürs Stadtbild charakteristischen und weithin geschätzten Laternen über einzelne Modellprojekte bisher kaum hinausgekommen. Zurzeit laufe die Umrüstung von 300 Hänge- und 100 Aufsatzleuchten.

Außerdem sei die Ausschreibung für den Umbau aller Gaslaternen in Spandau – mit Ausnahme einzelner vom Landesdenkmalamt festgelegter „Erhaltungsgebiete“ – auf dem Weg. Rund die Hälfte des Projektvolumens von 8,8 Millionen Euro werde mit EU- Geld gefördert. Insgesamt würden bis zum Frühjahr 2018 rund 1800 Gasleuchten durch LED-Lampen ersetzt. Die Form bleibt gleich, der Lichteindruck ändert sich wohl nur fürs geübte Auge – und der Energieverbrauch sinkt um Faktor 44.

Anders als die Gaslaternen werden die elektrischen Leuchten über ein zentrales Funksignal geschaltet. Laut Stadtentwicklungsverwaltung wird an vier Stellen in Berlin die Umgebungshelligkeit gemessen. Sobald an einer Stelle weniger als 30 Lux registriert werden, werde das Signal zum Einschalten gegeben. Wenn es an allen vier Messstellen wieder heller ist als 25 Lux, komme das Ausschaltesignal. Die Beleuchtung von Zebrastreifen schalte sich früher ein und später aus.

Die Schwellenwerte fürs Ein- und Ausschalten sind nach Auskunft der Verwaltung auch mit der Privatisierung des Laternenbetriebs im Jahr 2000 nicht verändert worden, sondern seit vielen Jahren konstant.

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