Gasometer : "Das ist ein Blankoscheck für den Investor"

Anwohner protestieren gegen das geplante Areal rund um den Schöneberger Gasometer. Das Gebiet ist größer als der Potsdamer Platz.

Ralf Schönball
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Hoch hinaus. Rund um den Gasometer in Schöneberg soll ein neues Quartier entstehen: mit privater Hochschule und dem „Europäischen...

Diese Vision hat alles, was sich ein Bezirkspolitiker nur wünschen kann: Ein Bauträger steckt 600 Millionen Euro in eine Industriebrache. Er schafft 5000 Arbeitsplätze, hochqualifizierte zumal, denn es entstehen eine „private Hochschule“ und das „Europäische Energie-Institut“, Euref. Der Bundesaußenminister persönlich erscheint zur „Gründungsfeier“. Und natürlich begrüßt der Bundesumweltminister das Vorhaben. Die Rettung des Weltklimas, so könnte man meinen, geht bald von Schöneberg aus.

Deshalb wird im Bezirksamt geklotzt und nicht gekleckert. Mitten in dem Wohngebiet südlich der Kolonnenbrücke werden ein Hotel und eng aneinander gereihte Bürohäuser genehmigt. Die Neubauten sollen bis zu 55 Meter und deshalb Schatten auf benachbarte Wohnhäuser werfen. Der Bauträger jubelt: Eineinhalb mal so viel Fläche wie das Sony-Center am Potsdamer Platz entstehe am Schöneberger Südkreuz, rund um den denkmalgeschützten Gasometer. Die Anwohner aber protestieren heftig gegen die Pläne: Bei der ersten Auslegung gab es etwa 300 Einwendungen – gegen den korrigierten Bebauungsplan kamen erneut 100 hinzu.

In zwei Wochen, am 15. Juli, sollen die Bezirksverordneten die Baugenehmigungen durchwinken. „Es gibt doch kaum noch Widerstände“, sagt Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) gut gelaunt. Von einer „politischen Mehrheit“ im Bezirk berichtet er. Und von Zustimmung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Im Übrigen werde durch das Projekt eine „Grottenecke des Bezirks“ aufgewertet. Deshalb gehe es jetzt zügig voran: Schon im Herbst könne der erste Grundstein gelegt werden, so Krömer. Für ein Hotel. „Der Bebauungsplan ist ein Blankoscheck für den Investor“, sagt der Stadtplaner Jörn Dargel. Er unterstützt die Bürgerinitiative gegen das Vorhaben. Das Energie-Institut existiere doch nur auf dem Papier, deshalb hätte der Bezirk nach seiner Auffassung das sieben Hektar große Areal besser zum „Sondergebiet“ erklären sollen. Dann müsste der Investor für jeden Neubau erneut eine Genehmigung einholen. So könne die öffentliche Hand die Entwicklung besser steuern – und sich das Risiko Investitionsruinen ersparen, meint Dargel. Stattdessen werde nun mit einem Schlag ein riesigea Areal genehmigt – obwohl in der Nähe am Sachsendamm Büros leer stehen.

Als „Riesenaufwand für alle Beteiligten“ weist Baustadtrat Krömer diesen Vorschlag zurück. Er zweifelt nicht daran, dass die 165 000 Quadratmeter Fläche, die bis zum Jahr 2012 gebaut werden dürfen, vorrangig von wissenschaftlichen Instituten, Forschern und Unternehmen aus der Umweltbranche genutzt werden. Und wenn es doch anders kommt? „Dann hat die Kommune noch genügend Folterinstrumente“, um dem Investor zur Räson zu bringen, sagt Krömer.

Zweifel an dem Vorhaben werden vielleicht dadurch genährt, dass es bisher viel Polit-Prominenz, aber wenig Wissenschaft zu feiern gab. Die Geschäfte des neuen Instituts führen nicht namhafte Umweltforscher, sondern der 69-jährige frühere DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière und der ehemalige RTL-Korrespondent Gerhard Hofmann. Einen „Workshop“ mit dem Solarzellen-Hersteller Q-Cells feierte der Bauherr im Internet als „Start der unabhängigen privaten Hochschule“. Doch ein Institut, Lehrkörper, Studenten und Studienprogramm – das alles gibt es bisher nur in der Theorie. In der Praxis klingelt das Telefon, wenn man die Euref anwählt, bei einem Bauträger in der Kurfürstenstraße. Dort sitzt Ex-RTL-Mann Hofmann und sagt, jetzt gehe es erst einmal um die Beschaffung des Budgets: „Mit großer Sicherheit werden wir über zwei Millionen Euro bis Ende 2011 verfügen können“ – bisher sei Geld für dieses Jahr da. Im Budget enthalten seien zurzeit ein wissenschaftlicher Direktor und vorerst drei Mitarbeiter, die man noch suche.

Ende des Jahres könnte die Euref auf das Baufeld umziehen: Dort soll das frühere „Retortenhaus“, in dem die Gasag früher Lehrlinge ausbildete, dann saniert sein. Die Firma „Innoz“ soll mit aufs Gelände, sie berate die Euref, so Hofmann. Die Ausarbeitung eines Antrags, den Titel Hochschule führen zu dürfen, dauere eineinhalb Jahre. Weitere drei Jahre gingen danach ins Land, bis Lehr- und Businesspläne beim Wissenschaftsrat durch seien. Damit das klappt, habe man 14 Professoren für einen Beirat gewonnen. Anträge auf eine staatliche Anerkennung sind bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung nicht eingegangen, teilte diese mit. Dabei soll „das Euref-Institut im Endausbau (circa 2013) bis zu 500 Studierende beherbergen“.

Hofman wirbt mit einer lange Liste von „Stiftungsinteressenten“. Nur wollten die ihr Engagement – „verständlicherweise“ – vorläufig nicht veröffentlichen. Dabei hätten Firmen „Zusagen getätigt“ oder ihre „Absicht bekundet“. Verhandelt werde mit „führenden wissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland“, drei Bundesministerien – und natürlich sind „Kontakte mit den Golfstaaten angebahnt“. Es gebe „letters of intent“ mit der FU, der TU und der HU. Mitarbeiten bei der Euref würden die Max-Planckgesellschaft, die Stiftung Wissenschaft und Politik, die Moskauer Gubkin-Universität für Öl und Gas, das Moskauer Energie-Institut. Das Euref werde seinerseits beim European Institute for Investigation and Technology mitarbeiten,

Vorangetrieben wird dieses Projekt von einem Prominenten der Westberliner Baubranche, Reinhard Müller. Der SPD-nahe Architekt und Bauträger wurde in der Subventionshochburg groß und gründete nach der Wende neue Firmen. Vom Öko-Image profitiert die „Euref AG“, deren Vorstand Müller ist. Sie trägt den gleichen Namen wie die gemeinnützige Öko-Gesellschaft Euref, die nach Stiftungskapital sucht, die AG ist aber eine auf Gewinn geeichte Aktiengesellschaft. Laut Handelsregister steht ihr neben Müller ein russischer Landsmann vor. Müller selbst wird aber zunächst in einer anderen Funktion auf dem Gasometer-Areal Geld verdienen: als Bauträger.

Gebaut wird nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für das Gastgewerbe: ein Hotel der Zweieinhalb-Sterne-Kategorie. „Wir haben mehrere interessierte Betreiber“, sagt Müller über mögliche Pächter. Das Projekt, sagt er, passe genau in die Zeit: Hotelzimmer, deren Preis vom Energieverbrauch des Gastes abhängt, der seine Rechnung durch einen kräftigen, Strom erzeugenden Tritt in die Pedale des Ergometers im Fitnessraum senkt. Das Hotel komme wohl im Herbst und im nächsten Jahr „ein weiteres großes Gebäude“, verspricht Müller. Ein „Null-EmissionsHaus“ für ein „deutsches M-Dax-Unternehmen“. Und am Ende stehe „das erste Null-Emissions-Büroviertel Europas“.

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