Berlin : Gastarbeiter am Altar

Erzbischof Georg Sterzinsky weihte Diakone. Weil in Berlin kaum Priesternachwuchs zu finden ist, kommen sie aus der weiten Welt

Till Schröder

In der vollbesetzten Sankt Matthias Kirche am Winterfeldtplatz haben gestern acht Priesteramtskandidaten dem Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky und dessen Nachfolgern „Gehorsam und Ehrfurcht“ in die Hand versprochen. Sie verpflichten sich zu einem Leben ohne Frau und Familie, als „Männer des Gebetes“ und legen sich zum Beweis ihrer Entschlossenheit auf den Bauch vor den Altar. Es herrscht gravitätische Stille, als Sterzinsky jedem Kandidaten bedeutungsvolle Momente lang die Hände aufs Haupt legt. Die Bürde, die die neuen Diakone auf sich nehmen, ist für alle Anwesenden spürbar. Das könnte der Grund sein, warum unter den Kandidaten kein Berliner ist. Einheimisch kann allenfalls ein Brandenburger gelten. Die Heimat der anderen Kandidaten liegt in Schwaben und Emsland, zwei kommen aus Mexiko, einer aus Venezuela. Der älteste ist 47, ein gebürtiger Pole. Das Durchschnittsalter der Kandidaten ist 38 Jahre.

„Es ist schwierig, in Berlin Männer für das Priesteramt zu gewinnen“, sagt Kardinal Sterzinsky nach der Weihe. In den 50er Jahren habe man in der ganzen Welt für die Stadt geworben und viele Anwärter angelockt. „Jetzt habe ich wieder bei internationalen Treffen für Berlin geworben“, sagt Sterzinsky. Mit Erfolg: Berlin ist einer der weltweit 50 Standorte des Priesterseminars „Redemptoris Mater“ (Mutter des Erlösers). „In Lateinamerika oder Philippinen ist der Zulauf zu den Priesterseminaren ungebrochen hoch“, sagt Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbistums Berlin. Die Seminaristen suchen sich ihre Ausbildungsstätte nicht selbst aus, sie werden von ihren Ausbildern beispielsweise nach Berlin gesandt. Das wirkt sich auf die hiesige positiv Statistik aus. „Andernfalls wäre die Zahl der Priesteramtskandidaten bei den jährlich stattfindenden Weihen durchschnittlich nur halb so groß“, sagt Förner. Die anderen Berliner Anwärter fürs Priesteramt kommen vom Diözesanen Priesterseminar St. Petrus. Erst sind sie Diakone und bekommen vom Bistum eine Praktikumsstelle in Berlin zugeteilt. Nach einem halben Jahr werden sie zu Priestern geweiht.

Priester haben also kaum Einfluss auf ihren künftigen Einsatzort. Die Bereitschaft der Deutschen, unter solchen Bedingungen zu arbeiten, geht seit Ende der 60er Jahre zurück. In Berlin wird der Priestermangel allerdings durch die Strukturreform des Bistums aufgefangen. „Wir legen bis Juni 2004 die 207 katholischen Gemeinden Berlins zu 106 zusammen. Damit fallen auch Priesterstellen weg“, sagt Pressesprecher Förner. Die Situation verschärfe sich vielleicht in zehn Jahren wieder, wenn viele der Priester über 50 in den Ruhestand gehen.

Das Zölibat will die katholische Kirche aber keinesfalls abschaffen, um den Priesterberuf attraktiver zu machen. Förner: „In unserer langen Geschichte gab es schon größere Nachwuchssorgen.“ Bleibt eine Priesterstelle zeitweise unbesetzt, muss sich eine Gemeinde mit Laien selbst helfen. „In Lateinamerika gibt es Gemeinden, wo der Pfarrer nur alle acht Wochen mit dem Jeep vorbeikommt.“

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