Berlin : Gastarbeiter-Ausstellung: Die eigenen Kinder nur drei Wochen im Jahr gesehen

Katharina Körting

In der Adalbert- und Oranienstraße liegt ein türkisches Geschäft neben dem anderen. Zu den typischen Kreuzbergern zählen heute die türkische Schülerin oder der türkische Friseur ebenso wie der deutsche Sozialarbeiter oder die links-alternative Mama. Das war nicht immer so. Vor fast 40 Jahren begann die Geschichte des Bezirks als Lebensmittelpunkt für Einwanderer aus der Türkei. Ihnen widmet das Kreuzberg-Museum in der Adalbertstraße 95 A seine Ausstellung "Wir waren die ersten", die heute um 18 Uhr eröffnet wird. Hervorgegangen ist die Ausstellung aus einer kleineren Schau über Türkinnen, die 1999 im "Familiengarten" in der Oranienstraße lief.

Auf zwei Etagen zeigt das Museum Alltags- und Stadtgeschichte sowie Biografien von Einwanderern aus der Türkei. Fotowände mit Familiengeschichten werden ergänzt von Friseurstühlen, deren Trockenhauben statt mit Föhnen mit Kopfhörern ausgestattet sind. Der Besucher kann sich - auf Türkisch oder Deutsch - die Berichte von Migranten anhören, unterteilt in Bereiche wie Familie, Arbeit oder Freizeit.

Kamil Akgün, der vor 20 Jahren aus der Türkei nach Berlin gekommen ist, hat die Ausstellung mit vorbereitet. "Es hat mich gereizt, etwas zu machen, das gleichzeitig meine eigene Geschichte ist", sagt Akgün. Er hat Interviews mit Hiergebliebenen und Rückkehrern vor allem der ersten Generation geführt - und dabei zum ersten Mal verstanden, dass es auch für seine Eltern damals nicht leicht war, ihn und seine Geschwister in der Türkei zurückzulassen. Nur drei Wochen im Jahr hat er sie gesehen. "Wir Kinder haben den Eltern immer Vorwürfe gemacht, weil sie uns allein gelassen haben", erzählt Akgün. Jetzt habe er eingesehen, dass es ein schwerer Entschluss für sie war.

Ein Abkommen zwischen der Bundesrepubklik und der Türkei von 1961 ermöglichte den damals noch "Gastarbeiter" genannten Einwanderern, nach Deutschland überzusiedeln. Hier versprachen große Firmen ein gutes Auskommen, man wurde gebraucht. "Der Lebensmittelpunkt war die Arbeit", sagt Akgün. Kontakt mit der Türkei wurde oftmals mit besprochenen Kassetten gehalten, die man heimreisenden Bekannten für die Verwandtschaft mitgab. In eine dieser Kassetten kann man auf der Ausstellung ebenso hineinhören wie in Aufnahmen von Megafonrufen bei der Ankunft am Bahnhof in München. Von dort wurden die Ankömmlinge auf die deutschen Städte verteilt. Wer nach West-Berlin wollte, um etwa bei Telefunken oder der DeTeWe zu arbeiten, musste weiter bis Hannover fahren und dann ins Flugzeug umsteigen, "andernfalls wären die Verhandlungen mit den DDR-Behörden zu kompliziert gewesen", sagt Museumsleiter Martin Düspohl.

Auf einer weiteren Etage steht ein großes begehbares Modell des Kreuzberger Viertels, hergestellt im Jahr 1980. "Das haben wir in Einzelteilen aus Kellern geholt", erzählt Düspohl, "und in mühsamer Kleinarbeit wieder zusammengesetzt." Wie schnell sich Straßen und Häuser sowie die Zusammensetzung ihrer Bewohner ändern können, ist deutlich zu sehen: Die aufgeklebten Fotos aus dem Noch-Sanierungsgebiet zeigen heruntergekommene Häuser, die Namen der Läden wie "Seifen-Sachs" oder "Otto-Bettwäsche" sind ausschließlich deutsch. In kleinen Dia-Guckkästen sieht man die Aufnahmen der völlig veränderten Straßen von heute. Ergänzend stellen sich alle in der Gegend ansässigen, türkischen Institutionen wie etwa der Familiengarten oder das Kulturzentrum anatolischer Aleviten vor.

Die noch unvollständige Schau soll mit Hilfe der Besucher ständig erweitert und zum Teil einer Dauerausstellung werden. Das gesamte Kreuzberg-Museum wird ab April seine fünf Etagen umbauen und dazu vorübergehend schließen. Danach werden zwei Stockwerke für die Geschichte nicht nur türkischer Zuwanderer in Kreuzberg reserviert.

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