Gastbeitrag : Kitapflicht? Bloß nicht!

Frühkindliche Bildung ist wichtig, aber eine Zwangsbeglückung in Form einer Kitapflicht, führt in die Irre, meint Kai Wegner. Mit einer Vorschule ließen wir kein Kind zurück. Eine Antwort auf die Forderung von Raed Saleh.

Kai Wegner
Der kleine Bruno fordert einen Kita-Platz in Leipzig. Unser Gastautor fordert die Kita-Pflicht. "Wie lange wollen wir noch tausende Kinder ungebildet zurücklassen?", fragt Raed Saleh.
Der kleine Bruno fordert einen Kita-Platz in Leipzig. Unser Gastautor fordert die Kita-Pflicht. "Wie lange wollen wir noch...Foto: dpa

Neulich besuchte ich die Fachkräfte des Kinderschutzmobils in Spandau bei ihrem Dienst. Dieses Kinderschutzprojekt liegt mir besonders am Herzen. Ich engagiere mich dort und weiß daher, wie schlimm es ist, wenn Eltern ihren Erziehungsaufgaben nicht nachkommen können, wenn Kinder Entwicklungsdefizite haben und ihre Zukunftschancen geschmälert sind.

Auch die statistischen Zahlen sprechen eine klare Sprache: Zu viele Berliner Kinder sind wegen ihrer sozialen Herkunft benachteiligt. Bei Kindern mit Migrationshintergrund kommt eine zusätzliche Erschwernis hinzu, wenn in ihren Familien kein oder kaum Deutsch gesprochen wird. Erst die Sprache ermöglicht die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, denn gute deutsche Sprachkenntnisse sind die Grundlage für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe.

Umso unverständlicher erscheint vor diesem Hintergrund die Entscheidung des rot-roten Vorgängersenats zur Abschaffung der Vorschule in Berlin. Ich setze mich dafür ein, die bewährten Vorschulstrukturen in Berlin für Kinder ab der Vollendung des fünften Lebensjahres wieder einzuführen.

In der Vorschule können die Kinder spielerisch auf den Schulalltag vorbereitet werden, Defizite im Bereich der Sprachentwicklung können zielgerichtet angegangen werden. Auch motorische Defizite und Verhaltensauffälligkeiten können durch individuelle Fördermaßnahmen ausgeglichen werden. Ich möchte, dass möglichst schnell die Vorschule allgemein verbindlich für alle Kinder angeboten wird. Jedes Kind muss bei seiner Einschulung in der Lage sein, dem Unterricht zu folgen. Dies liegt nicht nur im Interesse der gesamten Lerngruppe, sondern auch des betroffenen Kindes selbst. Kinder, die nach Ablauf des Vorschuljahres noch immer wesentliche Defizite aufweisen, sollten deshalb ein weiteres Jahr im geschützten Rahmen der Vorschule gefördert werden.

Kita-Pflicht für Berliner Kinder?
Nach dem Vorstoß zu einer Betreuungspflicht für Kinder ab dem dritten Lebensjahr haben wir Berliner Eltern gefragt, was sie von der Kita-Pflicht halten: Stefanie Wühle (l.) aus Kreuzberg findet die Idee super: "Ich habe ja selbst gemerkt, dass ich den Kindern nach drei Jahren nicht mehr genüge. Die wollen soziale Kontakte, das ist wahnsinnig wichtig. Mit mir haben die sich irgendwann nur noch gelangweilt." Deshalb findet sie auch eine gesetzliche Pflicht in Ordnung. "Es ist ja das beste für die Kinder."
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25.07.2013 17:58Nach dem Vorstoß zu einer Betreuungspflicht für Kinder ab dem dritten Lebensjahr haben wir Berliner Eltern gefragt, was sie von...

Klar abzulehnen ist der Vorschlag, die Vorschule bereits ab der Vollendung des vierten Lebensjahres einzuführen. Kinder sollen auch Kinder sein dürfen. Dazu gehört, abseits von durchstrukturierten Unterrichtssituationen nach den eigenen Bedürfnissen spielerisch die Welt zu erkunden. Es ist falsch, Kinder in diesem jungen Alter bereits dem Schulstress auszusetzen. Ich möchte vierjährige Jungen und Mädchen nicht in ein Regelkorsett zwingen, das ihren altersbedingten Neigungen widerspricht.

Die richtige Form der frühkindlichen Bildung für Drei- und Vierjährige erfolgt nicht in Vorschulen, sondern in Kindertagesstätten. Die Politik muss hier weiter in die Infrastruktur und in gutes Fachpersonal investieren. Sie muss dafür sorgen, hochwertige Betreuungsangebote flächendeckend verfügbar zu machen. Nur so kann man allen Eltern echte Wahlfreiheit für ihre Kinder ermöglichen.

Eine Zwangsbeglückung in Form einer Kitapflicht hingegen würde in die Irre führen. Und dies nicht nur, aber auch aus rechtlichen Gründen. Denn Artikel 6 unseres Grundgesetzes ist kein beliebig interpretierbarer Gummiparagraf. Dort haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes klar festgelegt: Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.

Manche findige Politiker behaupten, das sei überhaupt kein Problem. Deklarieren wir einfach die Kitas in schulische Einrichtungen um, schon greift die Schulpflicht. Ich halte das für einigermaßen dreist. Es kann doch nicht darum gehen, das zentrale Wertegerüst unseres Grundgesetzes trickreich zu umtänzeln.

Wer eine staatliche Kitapflicht einführen möchte, sollte doch bitteschön den ehrlichen Weg gehen und für eine entsprechende Änderung des Grundgesetzes eintreten. Alle Befürworter einer Kitapflicht sollten sich dann aber fragen, ob sie wirklich in einem Land leben möchten, dessen Verfassung den Eltern das Erziehungsrecht für die eigenen Kinder streitig macht.

Das Konzept des Kinderschutzmobils beruht darauf, Eltern ein niedrigschwelliges Hilfsangebot zu machen. Niemand wird gezwungen, die Hilfe anzunehmen. Trotzdem ist die Nachfrage groß. Ich sehe nicht, warum nicht auch für den Kitabesuch noch stärker mit guten Argumenten geworben werden sollte. Die Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder in die Kita zu schicken, anstatt sie zu zwingen, das ist die hohe Kunst der Politik.