Gastbeitrag von Wolfgang Thierse : Warum wir ein Museum des Kalten Krieges brauchen

Berlin braucht ein Museum des Kalten Krieges, und es muss am Checkpoint Charlie entstehen: Ein Gastbeitrag von Wolfgang Thierse als Reaktion auf eine erstaunlich irrationale, provinzielle Debatte.

Wolfgang Thierse
Der Autor Wolfgang Thierse ist Bundestagsvizepräsident und gehört der SPD an.
Der Autor Wolfgang Thierse ist Bundestagsvizepräsident und gehört der SPD an.Foto: dpa

Endlich eröffnet am Donnerstag die temporäre „Black Box“ am Checkpoint Charlie mit einer Ausstellung zum Kalten Krieg! Zu wünschen ist, dass dieses neue Informationsangebot zur Versachlichung der Debatte um die Gestaltung des Checkpoint Charlie beiträgt.
In den vergangenen Monaten fand eine erstaunlich irrationale, provinzielle (also echt berlinerische), von vorgeschobenen Behauptungen und echten Ängsten beseelte Debatte über die Zukunft des Checkpoint Charlie statt. Zwar ist die Errichtung eines Museums des Kalten Krieges im Berliner Mauerkonzept lange beschlossen, sind die darzustellenden Inhalte längst von Berlin bis Washington bekannt und wird die Dringlichkeit einer Veränderung an der trostlosen Ecke Friedrich- und Zimmerstraße sogar von den Gegnern der Museumspläne anerkannt. Dennoch herrscht keine Einigkeit. Welches sind die Argumente der Gegner eines Museums des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie? Halten diese der nüchternen Betrachtung stand?
Erstes Argument: Die historische Bedeutung des Checkpoint Charlie werde überschätzt.
Diese Aussage gehört zu den vorgeschobenen Behauptungen. Sie ist weniger an historischen Fakten als vielmehr an politischen Perspektiven interessiert. Wer nämlich dem Ort seine historische Bedeutung abspricht, kann die Standortfrage des Museums neu stellen. Das Argument ist schwach, weil die Behauptung allein nicht verfängt. Tausende Berlinbesucher an diesem Ort beweisen täglich das Gegenteil. Der Checkpoint Charlie hat sich tief in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern in der Welt! Er ist verbunden mit dem Bild von Panzern, die schussbereit einander gegenüber standen, mit der Erinnerung an den Moment, als der Kalte Krieg fast eskalierte. Damals Brennpunkt des Ost-West- Konfliktes, steht der Checkpoint Charlie heute als symbolischer Ort für die Teilung der Welt nach 1945. Dies ist der Grund, weshalb Berlintouristen aus aller Welt an diesen Ort kommen – und bislang vergeblich nach Anknüpfungspunkten zu den Bildern in ihren Köpfen suchen. Ihnen Orientierung zu geben, die Berliner Geschichte im Kontext der weltgeschichtlichen Entwicklungen begreifbar zu machen, das soll Aufgabe und Ziel eines Museums des Kalten Krieges sein.


Zweiter Einwand: Ein Museum des Kalten Krieges am Checkpoint Charlie berge die Gefahr einer Relativierung. Die Opfer der Grenze könnten zum Kollateralschaden zweier Konfliktparteien degradiert werden.
Solche Befürchtungen sind unbegründet. Den Vertretern des Opferverbandes UOKG e.V., die sie öffentlich formuliert haben, sei versichert: Das geplante Museum entwertet das Mauergedenken nicht, sondern fügt diesem mit der Thematisierung des internationalen Kontextes einen weiteren Baustein hinzu. Mit den Worten des Historikers Michael S. Cullen formuliert, ergänzt es das Mauergedenken sogar ideal – durch ein Mehr an „historischer Tiefe“. Der Checkpoint Charlie bleibt ein Erinnerungsort an die Opfer der Mauer. Fluchtgeschichten und individuelle Schicksale zeigt das private Museum Checkpoint Charlie. Gleichzeitig manifestiert sich an diesem „Lieu de memoire“ nicht nur die deutsche Erinnerung. Die weltweite Dimension der Blockkonfrontation, für die dieser Ort auch steht, wird derzeit allerdings nicht adäquat erzählt. Diese Lücke soll das Museum des Kalten Krieges schließen. Um Befürchtungen und Missverständnisse auszuräumen, könnte ein Runder Tisch helfen. Initiatoren, Befürworter und Zweifler des Museums sollten zusammenkommen, um über die Konzeption zu diskutieren.
Dritter Einwand: Das Alliiertenmuseum könne die Thematik des Kalten Krieges am neuen Standort in Tempelhof genauso gut oder sogar besser darstellen, als ein eigenes Museum am Checkpoint Charlie.

Der Checkpoint Charlie in Bildern:

Checkpoint Charlie
Zum 50. Jahrestag der Panzerkonfrontation zwischen Amerikanern und Sowjets wurde im Oktober 2011 eine neue Gedenktafel am Checkpoint Charlie eingeweiht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: afp
06.12.2011 15:41Zum 50. Jahrestag der Panzerkonfrontation zwischen Amerikanern und Sowjets wurde im Oktober 2011 eine neue Gedenktafel am...

Das Alliiertenmuseum plant derzeit den Umzug von Dahlem nach Tempelhof. Im ehemaligen Flughafengebäude soll die umfangreiche wie großteilige Sammlung des Museums endlich ausreichend Platz finden. Dieses Vorhaben ist richtig, ein Umzug so notwendig wie unterstützenswert. Abzulehnen wären dagegen Neugestaltungspläne mit dem Ziel, ein Museum am Checkpoint Charlie zu verhindern. Von offizieller Seite liegen bislang noch keine derartigen Informationen vor. Wenn aber richtig ist, was in der Presse steht, dann soll die Weiterentwicklung des Alliiertenmuseums vom Luftbrückenmuseum zum „Museum der Freiheit“ die Darstellung des Kalten Krieges so einbeziehen, dass ein Museum des Kalten Krieges am authentischen Ort verzichtbar wird. Dieses Vorgehen wäre schlicht ignorant: Sollte es wirklich das Ziel sein, einen wichtigen authentischen Ort preiszugeben, damit sich ein anderes Museum programmatisch profilieren kann?


Dennoch haben solche Überlegungen gewichtige Unterstützer. Hierbei spielen erinnerungs- und geschichtspolitische Zuschreibungen die entscheidende Rolle. Uwe Lehmann-Brauns hat die Vorbehalte der Berliner Christdemokraten gegen ein Museum des Kalten Krieges einmal auf den einfachen Nenner gebracht: „Kalter Krieg klingt nach Äquidistanz.“ Dies und die Absicht, eine Konkurrenz für das private Museum Hildebrandt, das vielbesuchte Haus am Checkpoint Charlie, zu verhindern, sind die eigentlichen Gründe, weshalb einige Berliner Christdemokraten sich wünschen, dass das Alliiertenmuseum die Darstellung des Kalten Krieges übernehmen soll. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings die Hinfälligkeit auch dieser Einwände. Allein die Liste der Initiatoren und Unterstützer der Museumspläne am Checkpoint Charlie müsste die Kritiker beruhigen – sie reicht von Vaclav Havel über John C. Kornblum bis zu dem ehemaligen US-Botschafter James D. Bindenagel. Keiner dieser Fürsprecher ist verdächtig, verharmlosende Darstellungen totalitärer Regime zu unterstützen.

Da den Schwerpunkt der Ausstellung die weltpolitische Einordnung und Darstellung des Ost-West-Konflikts bilden soll, entsteht auch keine Konkurrenz zu der völlig anders gelagerten Ausstellung im Haus am Checkpoint Charlie. Im Gegenteil. Das neue Museum soll eine Verteilerfunktion übernehmen und Besucher auf die übrigen Orte des Mauergedenkens und thematisch verwandte Museen hinweisen. Die authentischen Orte in Berlin werden auf diese Weise mit weltpolitischen Ereignissen verknüpft, kontextualisiert und angemessen gewürdigt. Dem verdienstvollen Haus am Checkpoint Charlie wird das Museum daher eher Besucher zuführen denn wegnehmen.

Berlin ist der Ort, an dem das Große im Kleinen und die kleinen, individuellen Geschichten im Kontext des großen Weltgeschehens erzählt werden können. Diese Chance ist auch Verpflichtung. Bewährt sich die „Black Box“, dann besteht die begründete Hoffnung, dass auch bald eine Einigung über das Museum des Kalten Krieges möglich wird. Berlin und dem Checkpoint Charlie wäre beides zu wünschen.
Der Autor ist Bundestagsvizepräsident und gehört der SPD an.

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