Gastbeitrag : Wie eine Israelin in Berlin Radfahren lernte

Isrealis lernen eher Panzer- als Fahrradfahren. Shlomit Lasky aber wagte das Abenteuer, damit sie eine richtige Berlinerin wird. Doch dann passierte ihr das, was jedem Berliner irgendwann passiert.

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Shlomit Lasky und ihr Rad.
Shlomit Lasky und ihr Rad.Foto: privat

Ich habe mehr oder weniger aufgehört Fahrrad zu fahren, als ich gelernt hatte, ohne Stützräder die Balance zu halten. Ich verlor schnell die Lust am Radfahren, weil ich ein bisschen tollpatschig bin und mir das Koordinationsvermögen fehlt, und später waren die verrückten israelischen Autofahrer meine Ausrede. Sie sind wirklich gefährlich.

Als ich nach Berlin umgezogen bin, habe ich schnell verstanden, dass ich keine richtige Berlinerin werden kann ohne Rad zu fahren. Ich wollte dazu gehören, aber das allein hätte nicht gereicht. Erst der Druck meines Mannes hat mich davon überzeugt, ein Fahrrad zu kaufen.

Wir sind zusammen in den Fahrradladen gegangen, und sehr schnell habe ich ein rotes gebrauchtes Damen-City-Fahrrad gefunden, dass mir gefallen hat. Ich habe das Fahrrad probiert und ließ den Sitz so niedrig einstellen, dass ich kaum fahren konnte. Aber ich fühlte mich sicherer. Na ja.

Unterwegs nach Hause wollte ich meinem neuen Fahrrad einen Namen geben. Matilda oder Scarlett, fragte ich mein Mann, was klingt besser? Bevor er antworten konnte, erklärte ich ihm, dass Matilda der Name meines Uzi-Gewehrs im Militärdienst war, und Scarlett bedeutet rot auf englisch. Er hat mich für verrückt erklärt und gefragt, warum ein Fahrrad einen Namen braucht. Die Deutschen können manchmal so ernst sein! Am Ende habe ich mich für Scarlett entschieden, weil das Fahrrad mehr Scarlett als Matilda war, und ich mag Scarlett Johansson.

Am Anfang habe ich nur im Park trainiert, weil ich Angst vor den Autofahrern hatte, aber in Wirklichkeit sind die Berliner Autofahrer sehr nett und höflich zu den Fahrradfahrern, das Problem sind die anderen Fahrradfahrer, sie fahren so schnell und aggressiv. Oh, ich Arme!

Als Kind probierte sich die Autorin schon mal am Fahrradfahren, ließ es dann aber, bis sie nach Berlin zog.
Als Kind probierte sich die Autorin schon mal am Fahrradfahren, ließ es dann aber, bis sie nach Berlin zog.Foto: privat

Wir haben meine sportliche Nachbarin getroffen und ich habe ihr erzählt, dass ich jetzt lerne, Fahrrad zu fahren, sie war schockiert! Wie kann eine Erwachsene kein Fahrrad fahren können. Mein Mann wollte mich nicht wie eine Idiotin dastehen lassen, also erklärte er der Nachbarin, dass Isrealis eher Panzer fahren lernen als Fahrrad. Die Nachbarin schien sich nicht recht entscheiden zu können, ob sie das für einen Witz halten sollte. Sie lachte erst, als wir lachten. Übrigens habe ich noch nie in einem Panzer gesessen.

Anfangs hatte ich das Gefühl, dass ich so schlecht fahre, dass alle Leute auf der Straße gucken und lachen. Vielleicht, weil ich die einzige Erwachsene bin, die mit einem Helm fährt? Oder die Paranoia steht mir ins Gesicht geschrieben.

Am Ende konnte ich jeden Tag zur Sprachschule fahren, und ich habe entdeckt, dass Fahrrad fahren sehr gut für meinen Popo ist. Leider ist mir Scarlett im letzten Winter gestohlen worden, weil ich nicht gut abgeschlossen habe. Jedem Berliner wird sein Fahrrad mindestens einmal gestohlen, stimmt’s? Ich habe Rad fahren gelernt, und mein Fahrrad wurde mir gestohlen: Jetzt bin ich also eine richtige Berlinerin.

Seit Wochen versuche ich, ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen, aber keins gefällt mir so wie Scarlett. Ich hoffe, bald etwas zu finden, weil ich sehr neidisch bin, wenn ich die anderen Berliner in diesen sonnigen Tagen mit ihren Rädern an mir vorbeiflitzen sehe.

Die Autorin ist Journalistin und Drehbuchautorin. Die 33-Jährige schreibt unter anderem für das israelische Frauenmagazin „Laisha“.

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