Gastkommentar : Die ganze Stadt ein Tiergarten

Im Vergleich zu Peking ist Berlin vor allem eines: grün! Unsere chinesische Kollegin Lixin Jiang ist von Deutschlands Garten-Hauptstadt begeistert.

Lixin Jiang
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Partymeile mitten im Grünen. Hier beim Live-8-Konzert im Jahr 2005. Foto: ddpddp

„Be Berlin“ – das heißt für mich vor allem: Sei grün! Da wäre in Berlin zuallererst der Tiergarten, das große, grüne Areal mitten in der Stadt. Das ist für mich wirklich bemerkenswert im Vergleich zu anderen, dicht besiedelten Metropolen. Und mittendrin der Zoo, Heimat des Star-Eisbären Knut, ein Pflichtort für Touristen und bei den Chinesen besonders bekannt, weil sie die einstige Star-Pandabärin Yan Yan verdächtigen, an Depression und Eifersucht gestorben zu sein, weil Knut ihr Aufmerksamkeit und Blitzlicht vorenthielt.

Doch die Ortsansässigen empfinden ja normalerweise nicht wie Touristen. Für einen Berliner ist es schwer nachvollziehbar, wenn der Direktflug aus Peking in Tegel landet und die chinesischen Passagiere aus den Fenstern schauen und rufen: „Baum, Baum, ah, so viele Bäume!“ Wenn also Herr Steinke, ein Berliner, der seit Jahren in Peking lebt, von einem Mitreisenden im Nachbarsitz ausgefragt wird, dann sagt der chinaerfahrene Berliner: „Und man sieht sogar Vögel am Himmel über Berlin anstelle der Papierdrachen in Peking.“

Während meines einmonatigen Aufenthalts wurde ich oft über meine Eindrücke von Berlin befragt. Zuerst rief ich „Vögel!“, weil ich so beeindruckt war, am Morgen von deren Gesang vor meinem Fenster geweckt zu werden. Ich wusste, dass die meisten Pekinger in Berlin genauso denken würden. „Vögel? Wirklich?“, fragte Matthias, ein gebürtiger Berliner. Dann erzählte er von seinen Berliner Vogelerlebnissen. Etwa wenn ein Spatz im Flug den Kuchen in seiner Hand attackierte und ein zweiter, und ein dritter auch noch. Er habe dann die Vögel beobachtet, wie sie ihre Mahlzeit kollektiv teilten. Vorher sind sie auch sicher nicht einfach losgeflogen, sondern haben diskutiert, wie sie das Unternehmen Kuchen anpacken wollten. Sehr Berlinische Vögel.

In Peking hat es Tradition, Vögel in Käfigen aufzuziehen. Chinesische Kunst beschäftigt sich häufig mit dem Thema, zum Beispiel „Leben“, der Film von Zhang Yimou, der in Cannes ausgezeichnet wurde. Es gibt in China Vogelmärkte für Touristen und für Händler.

Eine chinesische Freundin ging mit einer anderen Freundin, die gerade aus Europa zurückgekehrt war, auf einen Vogelmarkt. Ihre gleichaltrigen Töchter fanden das spannend. Die eine fragte, ob ihre Mutter ihr einen Vogel kaufen könne. Die andere lief zu einem Käfig und wollte das kleine Türchen öffnen, um die Vögel freizulassen. „Seid ihr verrückt? Haltet die Kinder zurück“, rief der Händler in Panik. Das Mädchen war traurig und fragte seine Mutter, warum Vögel ins Gefängnis gesteckt würden, wenn sie doch frei am Himmel herumfliegen könnten. Das chinesische Mädchen war in Berlin zur Welt gekommen und aufgewachsen.

Ich hatte häufig überraschende Begegnungen mit Tieren während meiner Zeit in Berlin. Begegnungen, die in Städten wie Peking unmöglich sind. Man sieht in Berlin zum Beispiel häufig Straßenschilder am Straßenrand, die ein springendes Reh zeigen. Ein Berliner Freund erklärte mir, dass damit Autofahrer gewarnt werden sollen, dass – Achtung! – Tiere die Straße kreuzen könnten.

Als ich einmal auf dem Weg in einen Berliner Vorort war, standen dort tatsächlich drei Rehe am Straßenrand. Ganz nah am Auto verharrten sie, bevor sie dann doch wegliefen. Später überraschten mich die Berliner Rehe nicht mehr, genauso wenig wie die Wildschweinfamilien, obwohl Leute wie ich, die aus Megastädten kommen, so etwas eigentlich nur in einem Zoo für möglich halten würden und nicht auf den Straßen der Pendler nach Berlin. Ich finde es aber heute immer noch spaßig, daran zu denken, wie einmal ein Eichhörnchen und sogar ein Fuchs vor meinem Fahrrad über den Weg sprangen.

Oder an den Ausflug mit Gunter. Der Berliner und erfahrene Segler verringerte das Tempo seines Bootes, als er in eine kleine Bucht am Wannsee einbog. Auf ein Schild am Ufer zeigend, erklärte er mir, dass wir hier keinen Lärm machen dürften und keine Wellen, dass hier Wasservögel wie Schwäne, wilde Enten, Reiher oder Blesshühner brüteten.

Ein weiteres Schild hat mich auch beeindruckt: Das mit der Eule mit den großen Augen, die ich oft in kleinen Parks und sogar an Straßenecken zum Beispiel in der Nähe der Spree oder der Kanäle gesehen habe. Ich habe mich über die genaue Bedeutung nicht erkundigt, aber ich glaube, die Eule will sagen: „Hi, ihr lieben Leute, ihr betretet hier die Heimat der Tiere. Bitte nehmt Rücksicht und stört uns nicht.“ Das sollten auch andere Städte einführen. Eulen können schließlich nicht selbst ihr Revier beschützen und Schilder aufstellen, deshalb hilft ihnen die Stadt Berlin.

Berlin hat einen Tiergarten, aber eigentlich ist ganz Berlin ein Tiergarten. Ich sagte das zu Fritz, einem Berliner Architekten beim Brunch an einem Sonntagmorgen. Erst lächelte er nur. Und dann erzählte Fritz, dass er beim Aufwachen nicht nur Vögel zwitschern, sondern manchmal auch einen Esel schreien hört. Von diesem lustigen Geräusch geweckt zu werden, statt durch einen Wecker – das lasse ihn sogar im Traum noch lächeln.

Lixin Jiang arbeitet für die Daily Media Group in Peking und war sie einen Monat beim Tagesspiegel in Berlin zu Gast.

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