Gastkommentar : Flughafen Tempelhof: Weltgeschichte - auf Karaoke-Niveau

Der Flughafen Tempelhof ist mehr als ein lokaler Bebauungsraum, er ist Ort und Denkmal der Weltgeschichte. Doch der Senat verzichtet auf jede Ambition.

Bernhard Schneider, Ernst Elitz
Bodenständiges Vergnügen. Seit einem Jahr ist das Tempelhofer Flugfeld in Volkes Hand – und ist zu einem Ort für Erholung und Freizeitsport geworden.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Reuters
10.05.2010 11:02Bodenständiges Vergnügen. Seit einem Jahr ist das Tempelhofer Flugfeld in Volkes Hand – und ist zu einem Ort für Erholung und...

Der Flughafen Tempelhof ist ein Mythos. Er steht für zwei Menschheitsträume – für die Befreiung des Menschen von der Erdenschwere, den Traum vom Fliegen, und er steht für die Sehnsucht nach Freiheit. Auf dem 300-Hektar-Areal im Herzen Berlins haben sich beide Menschheitsträume erfüllt. 1923 wurde hier der erste Verkehrsflughafen der Welt eröffnet. Damit wurde Tempelhof zur „mother of airports“, zur „Mutter aller Flughäfen“, wie der Weltbürger Norman Foster das Flugfeld rühmt. Das war das erste Geschichtskapitel.

Später wurde Tempelhof zu einem Welt-Ort der Freiheit. Als vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 ein schier unendlicher Strom von Flugzeugen voller Lebensmittel die 2,2 Millionen Bewohner der West-Stadt vor der von Stalin gesetzten Alternative „Kommunismus oder Verhungern“ bewahrte, wurde dem nach Westen drängenden System der Freiheitsverachtung eine klare Grenze gesetzt. Die Sowjets kapitulierten; dank der Luftbrücke überlebte West-Berlin und wurde zum Symbol hart erkämpfter politischer und persönlicher Freiheit. Die Ausstrahlung der Stadt als Leuchtfeuer freien Denkens mitten im sowjetischen Machtbereich hat entscheidend zum Fall des Eisernen Vorhangs und zum Sieg der Demokratie auf dem wiedervereinten europäischen Kontinent beigetragen.

So haben sich beide Träume der Menschheit an diesem Ort in einmaliger Weise historisch verknüpft. Ohne die Freiheit des Menschen, mit dem Fliegen alle Grenzen zu überwinden, wäre die politische Freiheit nicht zu gewinnen gewesen. Wer diesem Welt-Ort, dem „lieu de mémoire“, dessen Größe und markante Umrisse noch im Weltraum deutlich erkennbar sind, eine würdige Zukunft geben will, muss den Traum vom Fliegen und die Sehnsucht nach Freiheit zur zentralen Idee einer Neugestaltung des Geländes erklären. Der Flughafen Tempelhof ist mehr als ein lokaler Bebauungsraum, er ist Ort und Denkmal der Weltgeschichte.

In Berlin wird Weltgeschichte auf Bezirksamtsebene behandelt. Was die Stadtentwicklungspolitik des Senats für Tempelhof plant, hat für die Menschheit schon jenseits von Nauen keine Bedeutung mehr. Auffälligstes Merkmal dieser Planung ist der Verzicht auf jede Ambition jenseits des Gewöhnlichen. Berlin verabschiedet sich vom historischen Mythos und richtet sich im Alltäglichen ein. Hier heißt das Leitmotiv Freizeit – nicht Freiheit.

Der Flughafen Tempelhof
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1 von 20Foto: ddp (ddp)
29.07.2009 08:28Das Tempelhofer Feld - die Fläche, auf der später der Flughafen Tempelhof gebaut wird, dient bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts...

Schon die Ausschreibungen für die ersten Wettbewerbsbemühungen hatten nicht „Tempelhof und die Welt“ im Blick, sondern „Tempelhof und die angrenzenden Stadtquartiere“. Allerlei Umfragen und Online-Börsen haben das Thema auf das Niveau eines Karaoke-Wettbewerbs gebracht, eines Zerrbilds der „Partizipation“, mit der die Verwaltung um die Zustimmung der Bürger buhlt. Kennzeichnend ist der Vorschlag, das Tempelhofer Feld zum Ausweichquartier für andernorts exilierte Schrebergärtner zu machen oder es in einem See zu ertränken. Falls dem Senat das Wasser bis zum Halse steht, braucht er nicht auch noch ein solches Wahrzeichen seines Versagens.

Was fällt einem ein, wenn einem nichts einfällt? Ein „Wiesenmeer“, eine Gartenbau-Ausstellung wie in Cottbus oder Ronneburg und all die Zutaten, die im Multiple-Choice-Verfahren auf den Formularen zur Beantragung von Zuschüssen für politisch korrekte Vorhaben stehen: autofreies Wohnen, Ort der Wissenschaft, interreligiöser Dialog (der Anti-Sarrazin!) und jede Form von Abenteuerspielplatz.

Wie viele Städte Europas haben in ihrer Mitte einen Ort wie diesen, der im Gedächtnis der Welt verankert ist? Wie viele Metropolen haben in ihrem Zentrum eine Fläche, auf der sie ihre Geschichte mittels einer großen Idee für künftige Generationen sichtbar und erlebbar machen können? – Berlin ist in dieser einmaligen Situation. Aber die ansonsten oft so großmäulige Stadt macht sich klein – als hieße die Losung „be provinziell“.

Zwei gegensätzliche Trends markieren die städtische Planlosigkeit. Der eine heißt „von den Rändern bebauen“ und meint Neubaugebiete, die den Umriss des historischen Geländes unkenntlich machen und sich mit architektonischer Beliebigkeit ins Zentrum fressen.

Der andere erklärt die Wiesenlandschaft zum „zentralen Projektbaustein“, neben dem in ferner Zukunft noch andere „Projektbausteine“ angesiedelt werden sollen. Dieses „Mal-von-außen-mal-vom-Zentrum-mal-sehen-was-sonst-noch-kommt“-Gewurstel dokumentiert mehr als Ratlosigkeit, es dokumentiert die Abwesenheit jeder Idee, was die Stadt mit einem welthistorisch bedeutenden Gelände, das jede andere Metropole als besonderen Schatz hüten würde, überhaupt anfangen will. Jeder Architekt, der bei Sinnen ist, entwickelt erst ein Konzept, bevor er nach Bausteinen sucht und zu bauen beginnt. In Tempelhof dagegen herrscht der Zufall. Das kann man grob fahrlässig nennen.

Verbunden mit dem so bürgerfreundlich klingenden Angebot vielfältiger Zwischennutzung wird das Ganze im Chaos landen. Denn haben erst mal Scater, Speedminton-Spieler, Currywurst-Brater, Strandsegler, Schrebergärtner und Mountain-Biker sich des Geländes bemächtigt, wird jeder, dem doch noch eine Idee für das Ganze kommt, kapitulieren müssen vor den allfälligen Demonstrationen, Volksbegehren und Rathausbesetzungen. Die Aneignungsselbstsucht kennt nur das besitzanzeigende Substantiv „Nutzung“. Das einschränkende „Zwischen“ verträgt sich nicht mit dem neuen Bürgerbewusstsein.

So droht dem historischen Ort einer erfüllten Freiheitssehnsucht und seiner grandiosen Raumfigur Ähnliches zu widerfahren wie den baulichen Hinterlassenschaften anderer Jahrhunderte.

So waren die Ruinen römischer Amphitheater im Gewirr der mittelalterlichen Städte Europas kaum noch auszumachen. Überkrustet von Wohngebäuden, Handwerkerbuden und sonstiger baulicher Zwischen- und schließlich Dauernutzung, verschwanden ihre Konturen. Die wechselnden Bedürfnisse der jeweiligen Gegenwart hatten keine Verwendung mehr für die Zeugnisse einstiger Größe, deren kulturelle Botschaft dem Vergessen anheimfiel. Ein aktuelles Beispiel: Schon heute irren Touristen ratlos durch die Berliner Innenstadt und zweifeln an dem Versprechen ihres Reiseveranstalters, der sie in eine Stadt gelockt hat, die Jahrzehnte durch eine menschenfeindliche Mauer mit Todesstreifen getrennt war. Berlin ist eine Stadt der Vergesslichkeit – es sei denn, Kaiser Wilhelm grüßt vom Balkon.

Wer dem widerstehen will, muss den Flughafen Tempelhof aus dem provinziellen Zugriff des Berliner Behördendenkens befreien. Der Ort, an dem sich im 20. Jahrhundert historisch fassbar zwei Menschheitsträume – vom Fliegen und von der Freiheit – erfüllt haben, braucht ein international besetztes Schutzkomitee, in dem Planer, Architekten, Geschichtswissenschaftler und Kunsthistoriker von Weltruf eine Idee für die Gesamtgestaltung dieses „lieu de mémoire“ entwerfen. Kleinmut gibt es im Überfluss. Einfach mal das Große versuchen. Dieser Ort verdient einen großen Entwurf und die Tatkraft, ihn umzusetzen.

Bernhard Schneider ist Architekt und wirkt mit an Projekten der Stiftung Zukunft Berlin. Professor Ernst Elitz lehrt an der Freien Universität Kultur- und Medienmanagement. Er ist Mitglied im Beirat der Stiftung Zukunft.

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