Gastronomie : Ekellokale bekommen sofort die Quittung - vor fünf Jahren

Ab Juli 2011 sollten alle Berliner Lokale mit einem Qualitätssiegel ausgezeichnet werden. Die Smileys sollten gleich nach jeder Kontrolle ausgehängt werden. Was Christoph Stollowsky vor fünf Jahren darüber schrieb.

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Ist das Essen frisch, stimmt der Service? Lachende und weinende Smileys sollen Gaststätten-Gästen künftig darüber Auskunft geben.
Ist das Essen frisch, stimmt der Service? Lachende und weinende Smileys sollen Gaststätten-Gästen künftig darüber Auskunft geben.Foto: dpa

Oliver Schworck (SPD), Stadtrat in Tempelhof-Schöneberg, weiß schon genau, wie seine Lebensmittelkontrolleure künftig ein Lokal bewerten und den Smiley vergeben werden. „Sie haben dann ein Notebook samt Drucker dabei“, sagt er. „In das Gerät geben sie gleich vor Ort ihre Kontrollergebnisse ein.“ Nach einer bestimmten Klassifizierung errechne der Laptop einen Punktwert und drucke einen der fünf Smiley-Aufkleber aus. Wie berichtet, sollen alle Berliner Lokale ab Juli 2011 mit einem solchen Qualitätssiegel gekennzeichnet werden. Darauf haben sich die Bezirke und der Senat vergangene Woche geeinigt. Seither wird diskutiert, ob sich das Vorhaben angesichts der geringen Zahl von Kontrolleuren in Berlin überhaupt effektiv realisieren lässt.

Nach einer Umfrage des Tagesspiegels wird das Smiley-Projekt aber in den meisten Bezirken optimistisch angegangen. Immerhin setzt sich Berlin damit in puncto Gastro-Kontrollen bundesweit an die Spitze. Zwar haben alle Länder im Einklang mit Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) Mitte September beschlossen, Gastro-Gütesiegel bundesweit einzuführen, Berlin wird aber nun das erste Bundesland mit einer einheitlichen Smiley-Kennzeichnung sein.

Die Stadt übernimmt nahezu unverändert das in Dänemark seit 2002 erfolgreich praktizierte und auch vom Bund bevorzugte System. Danach müssen die Smiley-Aufkleber gut sichtbar am Eingang neben dem Prüfbericht aufgehängt werden. Sie sind etwa so groß wie ein DIN A5-Blatt. Das Prädikat „Elite“ erhält, wer drei Mal hintereinander als „sehr gut“ bewertet wird. Die Kontrolleure orientieren sich an vielerlei Kriterien rund um Sauberkeit oder Hygiene. Was sie im Laptop eingeben, addiert dieser nach Punktwerten und druckt automatisch den entsprechenden Smiley samt Prüfbogen aus. Beides muss sofort ausgehängt werden. Außerdem erscheinen schlechte Ergebnisse auf Negativlisten im Netz. Zur Zeit werden die Prüfberichte erst später zugestellt.

Das neue Verfahren soll nachdrücklicher wirken. Entdeckt ein Prüfer ranziges Fett unterm Küchentisch, so vermerkt er dies unter den Augen des Inhabers. Zur Zeit schafft das Land die erforderlichen Laptops an. Außerdem muss das Gaststättengesetz geändert werden. Andernfalls könnten Wirte erfolgreich gegen Smileys klagen, die gegen ihren Willen aufgehängt werden. Unklar ist auch noch, ob Smileys nur in der Gastronomie oder in allen lebensmittelverarbeitenden Betrieben wie Bäckereien oder Fleischereien angebracht werden sollen.

Im letzteren Fall wird voraussichtlich überall Personal fehlen, um die Auszeichnungen aktuell zu halten. Bleibt der Smiley auf Lokale beschränkt, könnten Bezirke mit weniger Gastronomie diesen Anspruch „gerade noch einlösen“, sagt Stadtrat Christian Gräff (CDU) von Marzahn-Hellersdorf. Seine zwölf Prüfer müssen 500 Lokale überwachen. Ganz anders sieht es in kneipenreichen Bezirken aus. In Neukölln sind sechs Prüfer für 1200 Lokale zuständig. Entlastung bringt ihnen allerdings, dass sie sich in der Regel auf die schwarzen Schafe konzentrieren können. Wer längere Zeit gut abschneidet, bekommt seltener Amtsbesuch. Die Befürchtung, dass schlecht bewertete Lokale monatelang Negativ-Smileys erdulden müssten, obwohl sie sich sofort um Verbesserungen bemühen, halten die Behörden deshalb für unbegründet. In Schöneberg wird sogar erwogen, eine „Express-Nachkontrolle gegen Aufschlag“ anzubieten.

Aus Senatssicht ist es wichtig, „jetzt endlich anzufangen.“ Dies bestätigten die Erfahrungen in Dänemark und in Pankow, das 2009 einen Modellversuch startete. Negativ erwähnte Gastwirte stellten die beanstandeten Mängel umgehend ab.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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