Berlin : Gastronomie: Krisenstimmung bei den Gastwirten

Bernd Matthies

Unter Berliner Hoteliers und Gastwirten breitet sich Krisenstimmung aus. Wegen der Terroranschläge in Amerika bleiben nicht nur US-Gäste aus, sondern auch die Berliner haben den Spaß am Feiern verloren. Der September ist diesmal weit unter den Erwartungen geblieben, und der Vorausbuchungsstand für Oktober sieht oft noch schlechter aus; ein harter Schlag für die Branche, denn in den Monaten April, Mai, September und Oktober wird in Berlin das Geld verdient. Die Top-Gastronomie hat bereits ein erstes Opfer, denn der renommierte "Bamberger Reiter" in Schöneberg musste den Betrieb einstellen. Küchenchef Christoph Fischer sagte, neben dem sehr schlechten 1. Quartal - über das fast alle Berliner Wirte klagten - habe der Ausfall einiger amerikanischer Gruppen nach dem 11. September den Ausschlag gegeben.

Die großen Hotels leiden in mehrfacher Hinsicht. Einerseits sind zahlreiche internationale Tagungen abgesagt oder zumindest auf unbestimmte Zeit verschoben worden, andererseits werden auch lokale Veranstaltungen, große Geburtstagsfeiern und Bälle storniert, zum Beispiel der Rosenball von Bertelsmann, der heute im Intercontinental geplant war. Das Adlon hat ebenfalls eine US-Reisegruppe verloren, die nicht nur die Zimmer füllen sollte, sondern auch gastronomische Zusatzveranstaltungen, beispielsweise ein Bankett im Pergamon-Museum, gebucht hatte. Direktor Jean van Daalen beziffert die Belegungs-Einbußen auf 10 Prozentpunkte im September und 15 im Oktober. Ähnliche Zahlen nennt auch Interconti-Sprecherin Türkan Gültepe: "Das hat schon eingeschlagen."

Im Palace-Hotel sind nach Angaben von Hotelsprecherin Claudia Borrmann bisher nur zwei größere Reisegrupen aus Übersee ausgefallen. Auffällig sei jedoch eine große Zahl von Stornierungen unter Individualkunden auch aus Deutschland, die überwiegend nicht begründet würden. Man nehme jedoch an, dass es mit einer allgemeinen Reiseunlust als Folge der Anschläge zu tun habe. Zahlen kann das Palace noch nicht bieten, aber Claudia Borrmann nennt die Situation "untypisch für September". Deutlicher äußert sich Stefan Simkovics vom Four Seasons, der von einem "Krisenprogramm" spricht. Naturgemäß leidet das Hotel, dessen Gäste etwa zu 20 Prozent aus Amerika kommen, besonders unter der Situation, aber Simkovics klagt vor allem über Absagen von Veranstaltungen aus Berlin, die allein damit begründet werden, dass man gegenwärtig nicht zum Feiern aufgelegt sei.

In der regulären Gastronomie läuft das Geschäft unterschiedlich. Während man im Palace-Hotel kaum Einbußen registriert hat, spricht Tim Raue, der Chef im Kreuzberger "E.T.A. Hoffmann", vorsichtig davon, dass sich die Lage allmählich wieder normalisiere. Selbst im "Borchardt" ist die Krise deutlich spürbar geworden, wie Inhaber Roland Mary sagt: "Ich schätze die Einbußen auf fünf bis zehn Prozent". Er hat beobachtet, dass das jüngere Publikum sensibler reagiert - deshalb seien die Rückgänge in seinem neuen "Panasia" in den ersten Tagen noch deutlicher gewesen. Anja Raneburger von der Glienicker "Remise" berichtet, dass sie nach dem Anschlag drei Veranstaltungen mit US-Gästen, darunter eine mit Siegfried und Roy, verloren habe. Der Ausfall betrage 30- bis 40 000 Mark. Sie hat jetzt ein zusätzliches Problem zu lösen, denn sie ist zusammen mit ihrem Vater Hauptmieterin im "Bamberger Reiter". Man werden den Betrieb selbst wieder aufnehmen, sagt sie, allerdings wohl nicht mehr als Feinschmecker-Restaurant.

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