Berlin : Gauck-Behörde: Mitarbeiter durch giftige Akten erkrankt

Sigrid Kneist

Als eine "besonders abscheuliche Hinterlassenschaft" der Stasi hat die Bundesbeauftragte für die Stasiakten, Marianne Birthler, die jetzt bekannt gewordenen, mit Giftstoffen verseuchten Stasi-Akten genannt. Sie kündigte eine umfassende Aufklärung in der Behörde an. Auch solle untersucht werden, ob es im Umgang mit dem Material Pflichtverletzungen bei den Mitarbeitern gegeben habe. Bei der Sichtung der Akten haben sich nach Birthlers Angaben drei Mitarbeiter gesundheitliche Probleme zugezogen, wie Magen-Darm-Erkrankungen, Schlafstörungen, Nasenbluten und Konzentrationsstörungen. Diese seien vermutlich auf die Beschäftigung mit dem Papier zurückzuführen. Eine Mitarbeiterin sei von März bis August krankgeschrieben gewesen, nachdem sie rund 30 Wochen mit dem Material gearbeitet hatte. Birthler sagte, dass die Akten jetzt gründlich untersucht würden. Zudem müsse auch die Frage geklärt werden, wie künftig mit dem Material umgegangen werden kann. Birthler hat das Gesundheitsministerium um Amtshilfe gebeten, damit die Mitarbeiter gezielt von Spezialisten untersucht werden können. Die kontaminierten Akten stammen aus dem Bereich der Stasi-Abteilung Operativ-Technischer Sektor (OTS), die rund 1000 Mitarbeiter hatte und vor allem dem Zweck diente, Materialien, Geräte und Substanzen zu beschaffen, um Regimegegner besser überwachen und Kommunikationswege deutlicher machen zu können, sagte Bernd Eisenfeld von der zuständigen Abteilung der Gauck-Behörde. Insgesamt gibt es in den Archiven der Behörde rund 600 Meter laufende Akten der OTS.

Im Winter 1995/96 war damit begonnen worden, das Material zu sichten. Dabei waren schon drei Aktenbündel auffällig geworden, bei denen es Hinweise auf eine Behandlung mit chemikalischen Verbindungen gegeben habe. Diese seien sichergestellt und gesondert gelagert worden. Im August vergangenen Jahres wurde nach Birthlers Worten damit begonnen, den übrigen Aktenbestand des OTS in Augenschein zu nehmen. Man habe auch das Landesamt für Arbeitsschutz eingeschaltet, um zu klären, ob einige auf den Papieren genannte chemische Verbindungen - dabei handelte es sich unter anderem um Eisen III Oxyd, Cu-Phtalocynin, Stronitumcarbonat und Kaliumrhenat - in den angegebenen Konzentrationen gesundheitsgefährdend seien. Dies wurde vom Landesamt verneint. Dennoch wurde im März zunächst die Arbeit der Arbeitsgruppe eingestellt, später aber wieder aufgenommen. Im Juli dann informierte die Gauck-Behörde das Bundeskriminalamt. Dort kam man zu dem Schluss, dass unter bestimmten Schutzvorkehrungen mit den Akten gearbeitet werden könne. Nach Auskunft einer Behördensprecherin trugen die Mitarbeiter Schutzhandschuhe und Kittel.

Unklar ist bisher noch, wieso die Stasi die Akten mit chemischen Substanzen bearbeitet hat. Nach Eisenfelds Auffassung gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass vorsätzlich Menschen geschädigt werden sollten. Wahrscheinlich habe die Abteilung OTS selber geforscht und wollte beispielsweise als Mittel für die konspirative Arbeit eigene Geheimschriften entwickeln und eventuell gegnerische Geheimnachrichten erkennen können.

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