GAZETELER Rückblick : „Ankara, wach auf!“

Wie türkische Blätter über den Verlust der türkischen Sprache berichten

Suzan Gülfira

Glaubt man den Prophezeiungen der türkischen Zeitungen, steuert das türkische Volk außerhalb seines Heimatlandes derzeit auf eine Katastrophe zu. „In Europa können rund eine Million junge Türken weder türkisch lesen noch schreiben“, beklagte am Donnerstag ein Kolumnist der „Hürriyet“ auf der Titelseite der Zeitung. Und er wusste auch, wie es zu dieser Entwicklung kam. „Schuld daran ist die türkische Regierung, die untätig geblieben ist“, stellte der Istanbuler Kolumnist fest. So müsse der Konsulatsunterricht in den deutschen Schulen künftig vor allem die Sprache, weniger Kultur und Geschichte vermitteln. Folgerichtig lautete die Überschrift zu dem bebilderten Anriss: „Ankara, wach auf! Die türkische Sprache geht in Europa in die Geschichte ein.“ Ziel müsse es sein, dass in Deutschland Türkisch in den normalen Lehrplan der Schulen aufgenommen werde.

Das Thema ist in den türkischen Medien ein Dauerbrenner. Hinzu kommt, dass in der vergangenen Woche die Türken ihren „Tag des Lehrers“ zelebrierten. Dazu fanden auch in den Konsulaten in Deutschland Feiern statt, und deshalb beschäftigte sich die „Türkiye“ am selben Tag mit diesem Problem, ebenfalls auf ihrer Titelseite. „Wer seine Muttersprache verliert, verliert seine nationale Identität“, titelte das Blatt.

Der Bericht, der direkt darunter stand, bezog sich auf eine von einem türkischen Satellitensender regelmäßig gesendete Talkshow. Darin diskutieren Journalisten, Politiker und Vertreter türkischer Verbände über Themen, die türkische Migranten in Deutschland beschäftigen. In der Sendung, über die die „Türkiye“ am Donnerstag berichtete, debattierten die Teilnehmer die Frage, ob türkischen Schülern in Deutschland genug Möglichkeiten geboten werden, ihre Muttersprache zu lernen. Die Beteiligten waren sich einig: Nein. „Der türkischen Sprache wird großes Unrecht getan“, lautete das Fazit.

In dieser Situation kam eine Aussage des Berliner Bildungssenators Jürgen Zöllner (SPD) gewissermaßen wie gerufen. „Auch deutsche Schüler sollen Türkisch lernen“, lautete die Überschrift zu einem Bericht im Europa-Teil der „Hürriyet“. Wie die Zeitung darauf kam? Ein Reporter der Zeitung hatte den Bildungssenator gefragt: „Türkische Eltern wollen, dass Türkisch erste oder zweite Fremdsprache wird. Wie bewerten Sie diese Bestrebungen?“ Darauf Zöllner: „Ich bin dagegen, dass Türkisch erste Fremdsprache wird. Das sollte weiterhin Englisch bleiben.“ Allerdings wünsche er sich, dass auch deutsche Schüler Türkisch lernen. Suzan Gülfirat

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