GAZETELER Rückblick : „CDU-Politikerin ertrug die Wahrheit nicht“

Wie türkische Blätter über ein Treffen deutscher und türkischstämmiger Unternehmer und Politiker in Neukölln berichten

Suzan Gülfirat

Nun ist auch die Neuköllner Gesundheitsstadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) bei der Hürriyet in Ungnade gefallen. „Sie konnte die Wahrheit nicht ertragen“, titelte die Zeitung am Sonnabend und zeigte auf ihrer ersten Seite ein buntes Foto der stellvertretenden Bezirksbürgermeisterin. Es war der Europa-Abgeordnete Cem Özdemir, der die Neuköllnerin laut Hürriyet mit einer Rede in Rage brachte: „Der türkischstämmige Politiker hat an die Schieflage im deutschen Bildungssystem erinnert und damit seine deutsche Kollegin verärgert“, hieß es. Vogelsang habe daraufhin aus Protest den Saal verlassen.

Früher war es Özdemir selbst, der von der Hürriyet regelmäßig Prügel bezog. Doch seit einiger Zeit wirkt das Verhältnis zwischen der Zeitung und dem Grünen-Politiker deutlich entspannter. Hintergrund der jüngsten Berichterstattung war ein vom Neuköllner Rathaus und Unternehmern organisiertes Abendessen, an dem auch der Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und der türkische Generalkonsul, Ahmet Nazif Alpman, teilnahmen. Auch die Türkiye schickte einen Reporter zu der Veranstaltung. Glaubt man den Berichten, wurde beim Essen so ziemlich jedes Thema abgehakt: die Bildung, der EU-Beitritt der Türkei, Zwangsehen, die Verdienste der Unternehmer, die Diskriminierung von Türken…

Zum Eklat mit Stefanie Vogelsang kam es dann offenbar, als Cem Özdemir die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan (CDU), kritisierte. Die Hürriyet zitierte Özdemir so: „Frau Schavan hat Recht, wenn sie sagt, dass nicht jeder Abitur machen könne. Allerdings besteht eine Schieflage, wenn man den geringen Anteil an Abiturienten auf die ethnische Herkunft zurückführt.“

Ihren Protest erklärte Stefanie Vogelsang später dann der Hürriyet: „Özdemir haben wir wegen seiner erfolgreichen Biographie eingeladen. Er sollte Vorbild sein. Jedoch hielt er eine elitäre und politische Rede. Die traf nicht auf die Neuköllner Wirklichkeit zu.“ Die Türkiye erwähnte den Zwischenfall erst im letzten Absatz und verkündete ihren Lesern lieber eine frohe Botschaft: „Wir sind keine Ausländer mehr“, zitierte die Zeitung Özdemir. „Die Mehrheitgesellschaft soll aufhören, in uns den Ausländer zu sehen.“

Zuletzt hatte Özdemir aus einem ganz anderen Grund in den türkischen, aber auch in den deutschen Zeitungen Schlagzeilen gemacht: Weil er mit seiner Familie nach Kreuzberg, ins ehemalige SO36, gezogen war. Suzan Gülfirat

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