GAZETELER Rückblick : Das Land der braven Kinder

Wie türkische Blätter über den Vorstoß für ein Jugendschutzgesetz berichten

Suzan Gülfirat

Komasaufen ist bei türkischen Jugendlichen noch eine unbekannte Freitzeitbeschäftigung. Alkohol ist für sie tabu. Die meisten Jungen und Mädchen in den Großstädten der Türkei sind so brav wie die Jugend im Deutschland der Fünfziger. Erst in den letzten Jahren sind in der Türkei Paragrafen entstanden, die detailliert regeln, wann und wo Alkohol in der Öffentlichkeit ausgeschenkt werden darf. Ein Jugendschutzgesetz gibt es bis heute nicht.

Ganz langsam ändern sich aber offenbar auch hier die Gepflogenheiten. „Sie hat sich in Deutschland inspirieren lassen“, titelte letzte Woche in der „Hürriyet“ ein Kommentator aus Ankara. Gemeint war der Entwurf der stellvertretenden AKP-Vorsitzenden zu einem Jugendschutzgesetz, das die jungen Menschen in ihrem Land vor Alkohol, Drogen und sexueller Ausbeutung schützen soll. Und auch die türkischen Zeitungen in Deutschland berichten seit Tagen über diesen Vorstoß. Am Sonnabend meldeten die Zeitungen, dass Edibe Sözen ihr 46 Paragrafen umfassendes Werk aufgrund von heftiger Kritik zurückgezogen habe. Sie hatte sich offenbar am deutschen Jugendschutz orientieren wollen, machte aber in ihrer Vorlage inhaltliche Fehler – etwa, dass 16-Jährige in Deutschland nur in Begleitung ihrer Eltern in eine Diskothek gehen dürften.

„Die Behauptung, Edibe Sözen stütze sich bei ihren Vorschlägen auf die geltenden Bestimmungen in Deutschland, konnte nicht bestätigt werden. In Deutschland gibt es für muslimische Schüler keine Gebetsräume“, stellte die „Milliyet“ am Sonnabend richtig. Sözen hatte auch für Gebetsräume Andersgläubiger an türkischen Schulen plädiert. An türkischen Schulen aber wird nicht gebetet. Die „Milliyet“ wirft ihr vor, durch die Hintertür den Islamismus fördern zu wollen.

Tatsächlich ist in Deutschland die Frage um Gebetsräume an Schulen nicht endgültig geklärt. Ein muslimischer Schüler hatte am Diesterweg-Gymnasium in Wedding auf seinem Recht bestanden, sein Mittagsgebet verrichten zu dürfen. Suzan Gülfirat

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