Berlin : Gazeteler Rückblick: Der Beste sein und doch Türke bleiben

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenen türkischen Tageszeitungen.

Am Freitag tauchte der deutsch-türkische Leser, wie so oft, in eine andere Welt ein, wenn er den Blick von den deutschen Tageszeitungen auf die Titelseiten der türkischen Gazetten wechselte. Während bei den deutschen Zeitungen die Bilder von den blutüberströmten Menschen und den Toten des Selbstmordattentats in Jerusalem dominierten, musste er diese Nachricht auf den Titelseiten der türkischen Blätter suchen. Bestenfalls verwies eine bebilderte Kurznachricht im unteren Teil der Seite auf einen längeren Text im Innenteil. An diesem Tag ging es hauptsächlich um den türkischen Generalmajor, der bei einer Veranstaltung vor den Augen der Kameraleute gegenüber einem Politiker handgreiflich geworden sein soll. "Welche Schande", titelte dazu die liberale Tageszeitung Milliyet. Andere Nachrichten suchte der Leser an diesem Tag dagegen im deutschen Blätterwald vergeblich. Zum Beispiel diese: Die Schülerin der Carl-von-Ossietzky-Schule in Kreuzberg, Necla Çantas, habe ihr Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,7 bestanden. "Wir werden die Besten sein und gleichzeitig Türken bleiben", zitierte die Hürriyet, die sich über die Leitkulturdebatte der Deutschen einst so aufregt hat, die Schülerin. Dazu zeigte die Zeitung ein Foto von dem blonden Mädchen vor einer Kommode, auf der ein Teller einem Atatürkbild steht. Nur das Topthema auf den Europaseiten der türkischen Zeitungen deckte sich mit den Nachrichten in den deutschen Zeitungen, wenn auch der Tenor ein anderer war. Es ging um die Zuwanderungsdebatte. Genauer gesagt, ging es um den Vorschlag von Otto Schily, das Nachzugsalter von Kindern von Ausländern von 16 auf 12 Jahre zu senken. Darüber regten sich die türkischen Zeitungen mächtig auf. In der Tageszeitung Türkiye hieß es am Freitag: "Der Entwurf hat geschockt." "Schily wird sich blamieren", wurde der Bundesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, in der Milliyet zitiert. Die Zeitungen fanden auch andere, die die Empörung mit ihnen teilten. Die Grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz gehe auf die Barrikaden, hieß es. Safter Ǥnar, Sprecher des Türkischen Bundes und SPD-Mitglied, bekam für seine Worte von der rechts-nationalen Türkiye fast eine halbe Seite zugeteilt: "Integration geht nicht mit Zwang", wurde er auf der Titelseite zitiert. Und auf der Seite 6 durfte er "Nein zur Assimilation" sagen.

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