Berlin : Gazeteler-Rückblick: Der Preiskrieg der Bäcker und die Demo gegen Rechts

Suzan Gülfirat

Die Demonstration "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz" am 9. November war für die türkischsprachigen Zeitungen in Deutschland ein großes Thema. Die auflagenstärksten Blätter schickten gleich mehrere Journalisten zu dieser Veranstaltung. Trotzdem hatte das Ereignis in der Freitagsausgabe von Hürriyet keine Chance, auf der Titelseite zu erscheinen. Denn dieser Tag gehörte auch in Deutschland ganz und gar dem Vater der Türken: Atatürk. Am 10. November war sein 62. Todestag, weshalb in der Deutschlandausgabe der Hürriyet ein ganzseitiges Porträtfoto von ihm mit der Überschrift erschien: "Der Führer des Millenniums." In Berlin fand im Rathaus Schöneberg am Freitag deshalb eine von seinen türkischen Anhängern organisierte Gedenkfeier statt. Dafür gab es aber auf der Titelseite der Europabeilage der Hürriyet, die täglich der Zeitung beigelegt wird, einen ganzseitigen Demo-Bericht. "Deutschland auf den Beinen", titelte das Blatt. In einer langen Extrazeile hieß es: "Deutsche und Ausländer liefen Hand in Hand." Darin wurde berichtet, dass die meisten türkischen Vereine und Verbände mitgelaufen und dass sogar Türken aus anderen Städten mit Bussen angereist seien.

Darüber hinaus habe Hakki Keskin, der Vorsitzende der Dachorganisation "Türkischen Gemeinde" aus Hamburg, in der "jüdischen Synagoge" im Namen der in Deutschland lebenden Türken einen Kranz niedergelegt. In einem anderen Kasten gab es Kurznotizen, wie: "Die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz hat aufgrund eine Protokollfehlers in der Synagoge keinen Platz bekommen." Auf einer anderen Seite wurde die Rede von Johannes Rau auf Türkisch abgedruckt. Lob gab es auch für die von der CDU kritisierte Rede von Paul Spiegel.

Ganz anders sah die Titelseite der Türkiye aus. Von Atatürk erschien ein viel kleineres Foto am Kopf der Seite mit der Überschrift: "Wir gedenken seiner voller Dankbarkeit." Die Demo wurde dagegen zum Seitenaufmacher. In dem fast ganzseitigen Bericht von vier Journalisten auf der Europaseite im Innenteil konnte man erfahren, dass "auch die Verräter" Transparente gezeigt hätten. "Verschiedene separastistische Vereine wie Koç-Dem (den Berliner bekannt als kurdischer Verein am Mehringdamm, Anm. d. Red.) haben auf Transparenten behauptet, dass auch an Kurden Völkermord begangen wird. Aber es konnte beobachtet werden, dass außer den linksgerichteten deutschen Demonstranten, die Teilnehmer mit gesundem Menschenverstand, die die Mehrheit ausmachten, dem keine Beachtung schenkten." Für die auflagenschwache Milliyet schrieben nur zwei Journalisten, weshalb die Berichterstattung wohl nicht so umfangreich war. Zum Todestag von Atatürk stand auf der Titelseite: "Wir vermissen Dich sehr. ...Dein Erbe ist in zuverlässigen Händen. Schlafe deshalb ruhig!" In den Zeitungen in der Türkei wurde über die Demonstration in Berlin nur am Rande berichtet.

Interessant war in der vergangenen Woche auch ein Artikel über die Äußerungen von Friedrich Merz in der ZDF-Sendung "Was nun?" "Wir seien unangepasst", monierte ein Schreiber in der Türkiye und behauptete: "Das verzogene Kind der CDU hat den in Deutschland lebenden Türken die Zunge rausgestreckt." Am Dienstag berichtete die Zeitung außerdem über den "Brotstreit" unter den 80 türkischen Bäckereien in Berlin. Die Preise für den Pide seien deshalb unter eine Mark gerutscht. Der Vorsitzende des Bäckervereins, Yüksel Tuncay, habe gesagt: "Das ist kein gesundes Konkurrenzverhalten. Wir bringen uns gegenseitig um." Um überleben zu können müsse ein 500 Gramm Pide für 1,50 Mark verkauft werden.

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