GAZETELER Rückblick : Die bösen Deutschen

Der Streit um den ARD-"Tatort" über die Aleviten geht weiter. Diese sehen sich durch die Darstellung in ihrer Ehre verletzt. Wie die türkische Zeitung „Hürriyet“ über das Thema Gewalt berichtet.

Suzan Gülfirat

Die Aufregung über einen angeblich Aleviten-feindlichen NDR-Tatort nimmt bizarre Formen an. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete in der vergangenen Woche auf ihrer Internetseite, ein Türke in Offenbach habe aus Verbitterung über die Folge „Wem Ehre gebührt“ einen Selbstmordversuch unternommen. In dem Film ging es um angebliche Blutschande und einen Ehrenmord in einer alevitischen Familie. Auch in Berlin war dagegen demonstriert worden. Die „Hürriyet“ besuchte den Mann im Krankenhaus und zeigte zum Bericht ein Foto, auf dem er mit verbundenem linken Unterarm zu sehen war. „Ich habe mir die Pulsader aufgeschnitten, aber meine Frau hat mich noch rechtzeitig gefunden“, soll er gesagt haben.

Das Topthema in türkischen Blättern war jedoch weiterhin die Diskussion über die Jugendgewalt in Deutschland. An einigen Tagen beherrschte die Problematik die Titelseiten fast komplett. „Sie haben uns als Scheißtürken beschimpft und haben zuerst zugeschlagen“, zitierte die „Hürriyet“ zum Beispiel einen der U-Bahn-Randalierer aus München in einer Schlagzeile. Dazu zeigte das Blatt ein Standfoto aus der Videoaufzeichnung, worauf zu sehen ist, wie jemand aus dem U-Bahn-Wagen heraus den mutmaßlichen Schlägern entgegentritt. Der Satz eines Deutschen („Haut von hier ab!“), habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Türken, über die die Zeitung berichtet, schildern sich entweder als Opfer oder sagen, sie verdienten die Abschiebung nicht.

Auch Innensenator Ehrhart Körting (SPD) schaffte es in der vergangenen Woche auf die Titelseite der türkischen Boulevardzeitung. „Türken schlagen ihre Kinder, nehmt sie ihnen weg“, titelte die „Hürriyet“ zu einem Foto des Politikers. In der Unterzeile hieß es: „Den letzten Coup bei der Diskussion der Politiker über kriminelle Jugendliche hat Berlins Innensenator Körting gelandet.“ Die verkürzte Aussage des Politikers bezeichnete die Zeitung als „Gefasel“. Nahezu jeder, der etwas zum Thema zu sagen hatte, brachte es auf ihre Titelseite – am Dienstag zum Bespiel der Chefredakteur der „Bild“. Kai Diekmann hatte nämlich an die „Hürriyet“ einen offenen Brief geschrieben. „Wir sind keine Türkenfeinde!“, zitierte die „Hürriyet“ ihn in der Schlagzeile.

Die feindseligsten Reaktionen erntete CDU-Politiker Roland Koch, der in seinem Wahlkampf in Hessen das härtere Vorgehen gegen straffällig gewordene Migranten fordert. Ihn stellte die „Hürriyet“ in der vergangenen Woche nur noch als Karikatur dar. Gleichzeitig rief die Zeitung die Türken in Hessen auf, am 27. Januar zur Wahl zu gehen und dann gegen Koch zu stimmen. Dazu erschien folgende Überschrift: „Jede Stimme zählt!“Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

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