Berlin : Gazeteler Rückblick: "Die Förderation hat ihr Ziel erreicht"

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Die Islamische Förderation darf ab Montag an zwei Berliner Grundschulen Religionsunterricht erteilen. Das Verwaltungsgericht gab, wie berichtet, am Mittwoch einem entsprechenden Eilantrag der Förderation statt. "Schockentscheidung in Berlin", titelte danach die Tageszeitung Milliyet auf ihrer Europaseite: "Weil der Förderation eine Nähe zu Milli Görüs (nationalistische Organisation) und der verbotenen Refah Partei (religiöse Partei) nachgesagt wird, leisteten bisher viele deutsche Organisationen und Landsleute in Deutschland Widerstand", erinnerte die Milliyet (Auflage etwa 30 000). Die Zeitung behauptete, dass weiterhin "die "türkischen Vereine großen Widerstand gegen die Entscheidung leisten". Sie betonte außerdem, dass die Teilnahme an diesem Unterricht "absolut freiwillig" ist. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg habe den Schulsenator aufgefordert, sich an die nächsthöhere Gerichtsinstanz zu wenden.

Auch die Boulevardzeitung Hürriyet (Auflage etwa 100 000) kritisierte den Beschluss des Gerichts: "Die Entscheidung macht traurig", zitierte das Blatt Schulsenator Klaus Böger in der Überschrift. Der Unterricht werde sehr streng beobachtet und die Möglichkeit für einen Einspruch geprüft, habe der Schulsenator gesagt. Nur die Tageszeitung Türkiye (Auflage etwa 70 000) schien zufrieden zu sein: "Zweite Chance für IF" hieß es in der Überschrift zu dem Text, der fast nur aus der Erklärung des Vorstandmitglieds Burhan Kesici bestand. "Islam Föderasyonu" heißt die Organisation auf Türkisch. Deshalb die Abkürzung "IF".

"Seit 1980 kämpft die Islamische Förderation dafür, islamischen Religionsunterricht anbieten zu dürfen. Mit der Entscheidung des Gerichts hat die Förderation ihr Ziel erreicht", leitete die Zeitung ihre Berichterstattung ein. Der Rest las sich wie ein Servicetext. "Die Islamische Förderation darf ab dieser Schulsaison an der Fichtelgebirge-Schule und an der Rudolf-Wissel-Schule unterrichten". An diesen Schulen würden Anmeldeformulare verteilt, wurde Kesici zitiert. Die Bedenken Klaus Bögers gegen die Förderation, in deren Rahmenplan für den Unterricht die freie Entscheidung für oder gegen ein religiöses Bekenntnis und die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht ausreichend verankert sei, wurden als "verfassungsrechtliche Bedenken" zusammengefasst. Auch Kesici sprach in der Türkiye sehr allgemein: "Das Gericht sagte, dass es nicht nötig sei, so detaillierte Fragen zu stellen." Klaus Böger und türkischen Vereine kamen in dem Text nicht vor. Wäre jede in Deutschland erscheinende türkische Zeitung eine türkische Stimme, wäre folgende Tendenz erkennbar: Etwa zwei Drittel der Türken wären gegen Religionsunterricht durch die Islamische Förderation, ein Drittel wäre dafür.

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