Berlin : Gazeteler Rückblick: Die Hürriyet trug Trauer

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

"Bayan Kohl" (Frau Kohl) war auch in der vergangenen Woche in fast allen türkischen Tageszeitungen auf der Titelseite zu sehen. Selbst die pro-kurdische Tageszeitung Özgür Politika (Freie Politik), die auf Türkisch erscheint, berichtete auf ihrer Seite "Europapolitik" mehrmals über sie. Zur Beerdigungsfeier Hannelore Kohls in Speyer titelte die Zeitung: "Kohls traurigste Zeremonie." Die Hürriyet überbot jedoch alle Zeitungen mit ihrer Anteilnahme. Neben einem Text mit der Überschrift "Letzte Pflicht" platzierte das Blatt auf der Titelseite auch ein Nostalgiekästchen, in dem ein vertrocknetes Blatt abgebildet war. "Aufrichtige Anteilnahme", steht auf Deutsch darauf. Dann folgt der Text: "Besondere Menschen bleiben für immer, denn sie hinterlassen ihre Spuren in den Herzen. Hürriyet." Wer hätte das je gedacht, dass die türkische Anteilnahme am Tod der Gattin des Ex-Bundeskanzlers so groß sein würde? Immerhin war ihr Ehemann zu Regierungszeiten aufgrund seiner Ansichten über die Türkei und die Ausländer in Deutschland nicht besonders beliebt. Helmut Kohl aber haben die Türken längst verziehen, und Respekt vor Toten ist in fast allen Kulturkreisen selbstverständlich.

Die Tageszeitung Özgür Politika erinnerte auch an den Sänger Ahmet Kaya, der vergangenen November gestorben ist. Bei den Berlinern ist der Sänger bekannt geworden, weil er im Januar 1999 in Istanbul wegen eines Konzerts in Berlin verhaftet wurde, obwohl das Konzert damals sechs Jahre zurücklag. Er soll bei dem Konzert vor einer Kurdistan-Landkarte für die Orte in der Südosttürkei sowie vor einem Bild des PKK-Führers Abdullah Öcalan aufgetreten sein. Türkische Journalisten in Deutschland hatten das damals "enthüllt". Der kurdische Sänger, der mit Popfolklore zum Frauenliebling avancierte, entwickelte sich zum kurdischen Liedermacher und zum türkischen Hassobjekt. Radiomoderatoren riefen zum Boykott und zur Vernichtung seiner Musikkasetten auf. Er siedelte nach Paris über, weil ihm eine langjährige Haftstrafe drohte. Reporter berichteten über seine Konzerte auch von dort. Ahmet Kaya starb letztes Jahr mit 43 Jahren an einem Herzinfarkt. Es gab in türkischen Zeitungen ähnlich rührende Nachrufe wie bei Hannelore Kohl. Es gab aber auch Journalisten, die sich die Freude über seinen Tod nicht verkneifen konnte. So groß war ihr Hass.

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