• GAZETELER Rückblick: Entführung mit Ankündigung: Wie die türkischen Blätter über die verschleppten Bergsteiger berichten

GAZETELER Rückblick : Entführung mit Ankündigung: Wie die türkischen Blätter über die verschleppten Bergsteiger berichten

Suzan Gülfirat

Die Entführer haben sogar eine deutschsprachige Internetseite. Den Bergsteigern gehe es gut, heißt es da. Seit knapp einer Woche sind drei Deutsche in den Bergen Ostanatoliens in den Händen von Entführern. Die Männer wurden vergangenen Dienstag durch PKK-Rebellen von ihrem Basislager auf dem Berg Ararat verschleppt.

„Die deutschen Medien räumen dem Thema viel Platz ein“, hieß es in türkischen Zeitungen nach Bekanntwerden der Entführung. Die türkischen Journalisten haben der Verschleppung hingegen keine große Bedeutung beigemessen. Weitaus umfangreicher berichteten die türkischen Zeitungen über den Überfall auf das Wachhaus vor dem US-Konsulat in Istanbul, bei dem drei Polizisten und drei Angreifer starben. Längst sind die drei Beamten in den Blättern zu „Märtyrern“ geworden.

In Bezug auf die Entführung versuchte die „Hürriyet“, das Geschehen zu erklären: „Die PKK entführt drei Deutsche, weil sie sich über Berlin ärgert“, hieß es in der Überschrift. Berlin zeige gegenüber der PKK nicht mehr so viel Verständnis wie in den Jahren zuvor. „Zuletzt ist der Sender Roj-TV verboten worden.“ Roj-TV ist ein Satellitensender und nach Ansicht des Bundesinnenministeriums Sprachrohr der verbotenen Terrororganisation PKK.

Auch im Innenteil versuchte die „Hürriyet“ zu erklären, weshalb die Bergsteiger entführt worden sein könnten. „Weil die PKK seit 1990 immer wieder türkische Unternehmen angegriffen hat, wurde sie am 26. November 1993 durch das deutsche Bundesinnenministerium verboten. Am 5. September 2005 wurde dann die Produktion der Tageszeitung ,Özgür Politika‘ gestoppt.“ Deutschland treibe sie in die Enge. Viel ausführlicher berichteten auch andere türkische Zeitungen nicht.

Die nur in Deutschland erscheinende Tageszeitung „Yeni Özgür Politika“ (Neue Freie Politik) ist das Nachfolgeblatt der verbotenen „Özgür Politika“ und steht ebenfalls der PKK nahe, was auch dadurch deutlich wird, dass der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan für sie schreibt. Seit der Schließung von Roj-TV am 19. Juni hatte „Yeni Özgür Politika“ fast jeden Tag mit der Empörung der Kurden über die Schließung aufgemacht. Eine Woche vor der Entführung der Deutschen am Ararat hatten die Führer der kurdischen Rebellen in dieser Zeitung verkündet: „Ihr habt unsere Grenzen überschritten. Wir übernehmen für eventuelle Aktionen keine Garantie.“

Am Tag nach der Entführung machte „Yeni Özgür Politika“ nicht etwa mit der Entführung auf, sondern damit, dass Abdullah Öcalan im Gefängnis gegen seinen Willen kahl rasiert worden sein soll. „Sie sollen nicht mit unserer Würde spielen“, zitierte die Zeitung Abgeordnete der kurdischen Partei DTP. Außerdem empören sich die Kurden derzeit über die „Herr Öcalan“-Affäre. Eine Abgeordnete der DTP hatte über den PKK-Führer gesprochen und ihn respektvoll als „Herrn Öcalan“ bezeichnet. Da die Türken Öcalan nur „Separatistenführer“ nennen, wird ihr nun der Prozess gemacht. Aus Solidarität mit ihr läuft in der Türkei eine Kampagne. In Diyarbakir hätten 25 000 Kurden Selbstanzeige erstattet und erklärt, dass auch sie von ihrem Führer als „Herrn Öcalan“ sprächen, berichtete „Yeni Özgür Politka“. Suzan Gülfirat

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben