GAZETELER Rückblick : „Heiratet alberne Türkinnen“

Wie türkische Blätter über eine Rede von Innensenator Ehrhart Körting berichten

Suzan Gülfirat

Am Freitag platzte der „Milliyet“ regelrecht der Kragen: „Seltsame Worte von einem deutschen Senator“, titelte die Zeitung auf der ersten Seite ihrer Europa-Beilage über einem Bild von Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Dieser hatte es sich offenbar auf einer Diskussionsveranstaltung der SPD mit der „Milliyet“ verscherzt. In einem Vortrag hatte er beklagt, dass die importierten Bräute und Bräutigame aus der Türkei oft ungebildet seien und aus rückständigen Gebieten stammten. So stehe Berlin vor dem Problem, bei der Integration gewissermaßen immer wieder bei der ersten Generation anfangen zu müssen. Deshalb wünscht sich Körting, dass sich die hier aufgewachsenen Türken und Türkinnen ihre Ehepartner zukünftig lieber in Berlin als in Anatolien suchen. Zum Ärger der „Milliyet“: Um seiner Empörung Ausdruck zu geben, platzierte das ansonsten eher liberale Blatt neben der Überschrift noch eine weitere, rote Zeile: „Berlins Innensenator Körting treibt es auf die Spitze“.

In seiner Rede hatte sich Körting am vergangenen Dienstag auf eine Statistik bezogen, die Aufschluss über die Bildungssituation der aus der Türkei nachgezogenen Ehegatten gab. Auch die anderen türkischen Zeitungen berichteten über Körtings Auftritt, sahen aber offenbar keinen Grund zur Aufregung. „Innensenator Körting gab an, dass von den zugezogenen Bräuten und Bräutigamen 64 Prozent keinen oder nur den Hauptschulabschluss hätten. 30 Prozent kommen vom Dorf oder aus Orten mit weniger als 10 000 Einwohnern“, hieß es sachlich in den Berichten. Nur die „Milliyet“ überhäufte Berlins Innensenator mit Spott und Tadel. „Er hat dem Ehegattenwunsch der Türken die Zunge rausgestreckt. (…) Statt gehorsame Türkinnen aus ihrem Heimatland zu heiraten, sollen sie alberne türkische Damen aus Berlin heiraten.“

Alberne Damen? Tatsächlich hatte der Senator über „freche Türkinnen“ gesprochen. Die Berichte über seinen Vortrag habe er zur Kenntnis genommen, sagte Körting dem Tagesspiegel. Das mit den „frechen Mädchen“ habe er allerdings im Sinne von emanzipiert gemeint. Für die Übersetzer wäre das wesentlich einfacher gewesen. Denn jeder Dolmetscher weiß, dass es fürs deutsche Wort „frech“ im Türkischen keine Entsprechung gibt. Die anderen Blätter gingen deshalb wohl auf Nummer sicher und erwähnten das Zitat erst gar nicht.Suzan Gülfirat

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