Berlin : Gazeteler Rückblick: "Imam-Skandal" im Bayerischen Fernsehen

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Vertreter des islamischen Glaubens haben es nach dem Attentat in New York nicht leicht. Sie müssen der Weltöffentlichkeit Rede und Antwort über ihren Glauben stehen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen der gemäßigten Moslems an sie. Am Mittwoch berichtete die Tageszeitung Milliyet von dem "Imam - Skandal im TV." Der Vorsitzende des Islamischen Kulturzentrums in Nürnberg - Imam (Vorbeter) Yusuf Uca - ist bei dieser Zeitung in Ungnade gefallen, nachdem der Bayerische Rundfunk ihn in die Sendung "Münchener Runde" eingeladen hatte. Zusammen mit jeweils einem Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, sowie einem Vertreter des jüdischen Glaubens sollte die Sendung am vergangenem Montag ein "Dialog der Religionen" werden. Für türkische Zuschauer war der Imam jedoch nicht überzeugend. "Er hat auf die Fragen, die den Islam betreffen, wirr und konfus geantwortet. Unsere Landsleute laufen Sturm gegen den Imam", berichtete die Milliyet am Mittwoch auf ihrer Europaseite. Er sei gescheitert, weil er nicht genug Deutsch könne, warf das Blatt ihm vor.

Zwei Beispiele aus der Sendung: Auf die Frage eines Zuschauers, warum es in der islamischen Welt kein demokratisches Land gebe, nannte der Imam das Osmanische Reich als Beispiel. Das sei kein akzeptables Beispiel für einen Rechtsstaat im europäischen Sinne, antwortete der Katholik. "Sogar die Amerikaner haben von den Osmanen die Menschenrechte übernommen", erwiderte der Imam. "Als die Teilnehmer der Diskussion behaupteten, der Islam habe keine Reformation erlebt, verstand er wieder das Thema nicht", hieß es in der Milliyet weiter. Der Imam antwortete auf diese Frage: "Das stimmt. Bei uns gibt es kein gutes Erziehungs- und Ausbildungssystem. Wir sind bei manchen Themen keine Fachleute."

"Gibt es denn in ganz Deutschland keinen Religionsvertreter, der alle Religionen kennt und gut Deutsch spricht? Solch ein Vertreter schadet dem Islam", sollen sich die türkischen Zuschauer bei der Milliyet beschwert haben. Der Imam aus Nürnberg gehört zu den Religionsvertretern, die von einem staatlichen Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei wie Diplomaten nach Deutschland geschickt werden, wie auch zum Beispiel die Vorbeter der Moschee am Columbiadamm. Nach wenigen Jahren werden sie in der Regel wieder in die Türkei zurückbeordert.

Die Milliyet hat nach eigenen Angaben bei Yusuf Uca nachgefragt. "Ich habe in dem Augenblick nicht daran gedacht, die Türkei als Beispiel zu nennen" soll er gesagt haben. Zudem habe er den Begriff "Rechtsstaat" nicht verstanden. Erstaunlicherweise ging in der Redaktion der "Münchener Runde" kein einziges Schreiben von türkischen Zuschauern ein. Dort hieß es, die Sendung hätte bundesweit viele Zuschauer gehabt und die Resonanz von Zuschauern sei positiv gewesen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar