GAZETELER Rückblick : Mädchen flieht vor Zwangsheirat zur Polizei

Wie eine türkische Zeitung über ein ungewöhnliches Ereignis auf dem Münchner Flughafen berichtete

Suzan Gülfirat

„Türkisches Mädchen sucht Schutz bei Flughafenpolizei“, lautete am Sonnabend eine Überschrift auf der Internetseite von „Hürriyet-Almanya“. Die Unterzeile dazu: „Der Plan einer Familie, die ihre Tochter unter dem Vorwand eines Urlaubs in die Türkei bringen und zwangsverheiraten wollte, fiel ins Wasser.“ Die Nachricht stammt aus München, offenbar hat da eine junge Türkin mächtig Glück gehabt.

Am Sonntag erschien die Nachricht schließlich auch in der gedruckten Ausgabe, aber ohne die Bilder aus dem Flughafen. „Als das 20-jährige türkische Mädchen von der Absicht ihrer Eltern erfuhr, suchte sie Schutz bei der Polizei“, berichtete die „Hürriyet“ auch dort. Dazu muss erklärt werden, dass das türkische Wort „Mädchen“ auch ein Synonym für „Jungfrau“ sein kann. Der Fall macht auch deutlich, dass sich selbst erwachsene Töchter nur schwer gegen Zwangsheirat wehren können.

Durchschaut habe die Tochter der Familie aus Dachau die Pläne ihrer Eltern, als sie bei den Rückflugtickets auch den Namen ihres „Zukünftigen“ gesehen habe. Daraufhin sei sie auf dem Flughafen zur Polizei gegangen. Die Nachricht war nur 18 Zeilen lang und erschien allein in dieser Zeitung. Vermutlich hatte der Reporter vor Ort nicht genügend Zeit zum Recherchieren. „Während des Verhörs habe der Vater Folgendes gesagt: ,Nun bin ich beruhigt. Ich hatte in Bezug auf die Zwangsverheiratung meiner Tochter sowieso kein ruhiges Gewissen.’“ Daraufhin habe die Polizei ihn und seine Frau reisen lassen. „Während die Eltern in die Türkei flogen, konnte das 20-jährige türkische Mädchen wieder in ihre Wohnung in Dachau gehen und so vor der Zwangsheirat gerettet werden“, hieß es zum Schluss.

Das Thema Zwangsverheiratung soll mit Bundeshilfe statistisch untersucht werden, berichtete vor knapp einer Woche der Tagesspiegel. Noch weiß kein Mensch, wie groß das Problem ist. Die Hürriyet hat also einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass die Statistiker Durchblick erhalten. Suzan Gülfirat

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