Berlin : Gazeteler Rückblick: Scheidung auf Türkisch ist ein Kapitel für sich

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Ein Artikel in der Hürriyet ist ein gutes Beispiel, wie ein Leser nach der Lektüre eines Artikels eher ratlos als informiert zurückbleiben kann. "Für Deutsche ein Kinderspiel, für Türken eine Qual", titelte die Hürriyet am Mittwoch und startete damit in ihrer tägliche Europa-Beilage eine Kampagne. "Während die deutsche Regierung Gerichtsurteile, die in der Türkei gefällt wurden, problemlos anerkennt, akzeptiert die türkische Regierung deutsche Gerichtsurteile nicht", heißt es in der Unterzeile. Die Hürriyet bezieht sich dabei allerdings nur auf Urteile über Scheidungen und Eheschließungen. Denn Deutschland erkennt keineswegs alle türkischen Gerichtsurteile an. Schließlich gewährt die Bundesrepublik dem einen oder anderen türkischen Verurteilten Asyl.

In Zusammenhang mit dem türkischen Recht zitiert das Blatt einen "Experten für das europäische Recht": "Sie können hingehen, wohin sie wollen (er meint innerhalb Europas, Anm. der Autorin). Nur die Türkei erkennt bei Scheidungen und Erbstreitigkeiten nur ihre eigenen Urteile an. Soll das etwa heißen, dass die Deutschen weniger zivilisiert sind als wir?" Der Text, der durchgehend in diesem Stil geschrieben ist, will erklären, das deutsche Staatsbürger, die im Ausland leben, sich von dem Gericht des jeweiligen Landes scheiden lassen können. Über die deutsche Botschaft können sie das Urteil dann bei ihrer Landesjustizverwaltung in Deutschland für etwa 100 Mark anerkennen lassen.

Türken in Berlin dagegen können sich nur durch ein türkisches Gericht mit Hilfe eines in der Türkei zugelassenen Anwalts scheiden lassen. Dabei müssen beide Ehepartner einen eigenen Anwalt nehmen, selbst wenn die Eheleute zuvor alles unter sich geklärt haben, wie zum Beispiel durch einen Ehevertrag. Das ist in Deutschland nicht so. Und die Hürriyet will sagen, dass die Türkei bei Scheidungen im Ausland genauso verfahren soll. Jetzt, wo sie sich doch als Fast-EU-Mitglied sieht. Am Ende des Textes veröffentlichte das Blatt eine Faxnummer, wohin die Leser ihre Beschwerdebriefe hinschicken können. Die Hürriyet werde sie "an Ankara" (also an die türkische Regierung) weiterleiten.

Prompt habe sich ein Betroffener bei der Hürriyet gemeldet, heißt es in der Freitagausgabe. Özdemir Karakus habe gesagt: "Ich gelte in der Türkei immer noch als verheiratet." Er habe 1995 in Deutschland eine Türkin geheiratet und sich, weil es schneller gehe, hier von einem Gericht scheiden lassen. Als er den Hürriyet-Artikel gelesen habe, sei er aus allen Wolken gefallen. "Ich muss nun auch in der Türkei für viel Geld einen Prozess eröffnen." Für den in Scheidungsfragen unkundigen Leser stellte sich die Frage, warum er sich unnötigerweise in Deutschland hat scheiden lassen, wenn er weiß, dass die Türkei das Urteil nicht anerkennt. Oder wusste der Mann das nicht? Aber das erklärt der Hürriyet-Artikel nicht.

Dafür findet sich zur Erklärung ein "Kasten": "In Deutschland erkennt, nach einer Überprüfung, die Landesjustizverwaltung das Urteil an. In der Türkei übernimmt diese Aufgabe das Gericht. Deshalb muss man einen Prozess eröffnen, was langwierig ist und viel Geld kostet." Eine offizielle Erklärung, was den Türken in Deutschland diese Regelung nützen soll, fehlt in dem Text. So kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden.

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