Berlin : Gazeteler-Rückblick: Sind sie nun ein deutscher oder türkischer Politiker?

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Jenseits der ausführlichen Berichterstattung über Afghanistan geht auch in türkischen Blättern der Berliner Wahlkampf weiter. Zum Beispiel hatte nicht nur Dilek Kolat - SPD-Kandidatin für das Abgeordnetenhaus - bei einer türkischsprachigen Veranstaltung betont, dass sie eine deutsche Politikerin ist. Bei dieser Podiumsdiskussion mit türkischstämmigen Politikern in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln(wir berichteten), hatte ein Gast gefragt, ob die Kandidaten als Türken oder Deutsche im Abgeordnetenhaus sitzen werden. "Türkische Kandidaten stellen sich vor", titelte dennoch die Milliyet.

Eine andere Zeitung, die Hürriyet, berichtete von den "Versprechen der Kandidaten vor der Wahl" und verwendete im Text den Terminus "türkischstämmig." Dazu zeigte das national-liberale Boulevardblatt ein Foto von den sieben Kandidaten auf dem Podium. Allerdings war dieser Text als Kasten in einem anderen Text plaziert, dessen Überschrift auf der ganzen Seite dominierte: "Die neuen türkischen Kandidaten", stand letztendlich in großen Buchstaben auf dieser Seite. Je mehr Türken sich einbürgern lassen und je mehr in die Politik gehen, um so mehr interessieren sie sich für dieses Thema. Die Erwartungshaltung an "ihre" Politiker: Sie werden sich in jedem Fall für ihre Landsleute stark machen. Doch wenn sich einer wie Cem Özdemir (B90 / Grüne) im Bundestag gegenüber der Türkei und den Türken hierzulande auch kritisch äußert, dann verstößt man ihn, und er wird zum türkischen Hassobjekt. In dem Hürriyet-Text über die neuen Kandidaten ging es um den Direktkandidaten der FDP in Wedding, Binali Turhan, und Ahmet Algan, der in Kreuzberg als Einzelkandidat antritt (wir berichteten). Algan ist einer der Mitbegründer der Islamischen Föderation. Zudem gehört er deren Verwaltungsrat an, und er ist Vorsitzender des Trägervereins der "Islamischen Grundschule" in Kreuzberg. "Obwohl er im letzen Jahr versucht hat, sich bei den Grünen und bei der CDU zu bewerben, ist er gar nicht gut auf diese Parteien zu sprechen", behauptete das Blatt und zitierte ihn mit den Worten: "...Die Politiker nehmen seit Jahren keine Notiz von der islamischen Bevölkerung hier. Die Situation unserer Kinder ist herzzerreißend. Daran sind nicht die Kinder Schuld, sondern der jetzige Lehrplan, der nicht den Bedürfnissen von ausländischen Schülern gerecht wird." Diese kryptischen Sätze versteht nur der eingefleischte Hürriyet-Leser - und deshalb müssen sie interpretiert werden. Die Hürriyet ist nicht so gut auf die Islamische Föderation zu sprechen. Als der Organisation das Recht zugesprochen wurde, Religionsunterricht zu erteilen, war im Blatt von "Schock" und "Skandal" die Rede. Der Text über Ahmet Algan ist der Versuch, neutral zu bleiben und den Kandidaten mit eigenen Worten zu schlagen. Algan kritisiert indirekt, dass der Lehrplan keinen islamischen Religionsunterricht vorsieht. Er meint, dass er dieses "Problem" von allen am besten lösen kann.

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