Berlin : Gazeteler Rückblick: Überraschung!

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

"Wir entschuldigen uns bei allen Türken", steht in großen Buchstaben auf Titelseite der Freitagausgabe der Tageszeitung Star, die ihre Geschichten ähnlich aufzieht wie einen Fotoroman. Auf vier großen Bildern sieht der Leser ein deutsches Ehepaar, das die Häuserwand einer türkischen Familie reinigt und anschließend dem Vater der Familie die Hand reicht. Denn in Empfingen bei Horb im Landkreis Freudenstadt hatten am Dienstagmorgen um kurz nach zwei Uhr drei junge Männer aus der rechten Szene das Haus einer türkischen Familie mit einem Molotowcocktail in Brand gesetzt. Weil der Vater der Familie um die Zeit noch nicht schlief, sind alle fünf Familienmitglieder mit dem Schrecken davongekommen. Die Täter sitzen bereits im Gefängnis. Am Donnerstag haben sich die Eltern des einen Täters offiziell bei allen Türken für die Tat ihres Sohnes entschuldigt.

Überhaupt hat die Gemeinde im Schwarzwald vorbildlich reagiert. Noch am nächsten Tag organisierte sie eine Spendenaktion. "Typisch Deutsch", sagte am Freitag eine Redakteurin der Heimatzeitung Schwarzwälder Bote, der ausführlich über die Ereignisse berichtet hat. Niemand habe die Familie von der Aktion verständigt. Auf die Idee, dass die Familie sich vielleicht ausschließlich über türkische Medien informiert und diese über die Aktion nicht berichtet hatten, ist sie nicht gekommen.

Das Desinteresse der türkischen Medien an der Aktion ist ein wenig verwunderlich. Denn auch türkische Journalisten verstehen es manchmal, buchstäblich aus Nichts eine Meldung machen. Beispielsweise kann man in der Montagsausgabe der Hürriyet auf der Titelseite ihrer Europa-Beilage lesen, dass die Zeitung mit dem derzeitigen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gesprochen habe. "Mehr auf Seite 18", kündigt das Blatt am Ende des Anrisses an. So, als folgte ein ganzseitiges Interview mit dem Politiker. Tatsächlich erwartet den neugierigen Leser nur ein Text aus 30 Zeitungszeilen mit einer einzigen Aussage Wowereits. "Wowereit hat über die Hürriyet die Türken und türkischstämmigen Menschen in der Stadt aufgerufen, sich zu integrieren, ohne ihre kulturelle Identität aufzugeben." "Mit vereinten Kräften zur Integration", heißt die Überschrift zu diesem Text. In der Unterzeile steht, dass Klaus Wowereit die Integration der Ausländer bei gleichzeitiger Beibehaltung ihrer eigenen kulturellen Identität zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit wolle. Das hört sich an, als rufe er assimilationswillige Türken auf, nicht ihre türkische Identität aufzugeben. Ob Wowereit das tatsächlich so formuliert hat, ist fraglich. Denn die SPD sagt zwar, dass Assimilation nicht die Vorraussetzung für gelungene Integration ist. Aber wer sich anpassen wolle, könne das natürlich tun, sagte beispielsweise Otto Schily dem Hürriyet-Verleger Aydin Dogan, der vor kurzem zu Besuch in Berlin war.

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