GAZETELER Rückblick : Wähler gehen an ihre Grenzen

Wie türkische Blätter über die Wahlen zum türkischen Parlament berichten

Suzan Gülfirat

„Das letzte Wort gehört dem Volk“, titelte die liberale Milliyet am türkischen Wahlsonntag. Ebenfalls auf der Titelseite brachte die Zeitung eine Reportage über die Abstimmung in einem Wahllokal für Auslandstürken im internationalen Hafen von Cesme etwa 100 Kilometer von Izmir. Allein an den Grenzübergängen zu Bulgarien Kapikule und Ipsala zu Griechenland seien bis gestern 78 000 Stimmen abgegeben worden. Erwartet wurden bis zu 400 000 an allen Grenzübergängen.

In Europa sind knapp zwei Millionen Auslandstürken wahlberechtigt, allein in Deutschland nach türkischen Angaben 1,3 Millionen. Der Grund für den Zulauf: Briefwahl ist in der Türkei nicht möglich. Eine Kampagne der türkischen Zeitungen zur Einführung der Briefwahl brachte keinen Erfolg. Immer wieder veröffentlichten die türkischen Blätter in den letzten Wochen Stimmungsberichte von den Wahllokalen an den Grenzen. Die meisten im Ausland lebenden Türken konnten ihre Stimmen nicht abgeben. Denn wer in den türkischen Wählerverzeichnissen eingetragen ist, wird an bestimmte Wahllokale verwiesen. Ansonsten kann an der Grenze wählen, wer einen türkischen Reisepass vorlegt.

Bei der symbolischen Wahl zum türkischen Parlament am Freitag am Kottbusser Tor in Kreuzberg wurden ganze 86 Stimmen abgegeben. Entgegen dem Trend in der Türkei gewann hier die Republikanische Volkspartei (CHP), Sozialdemokraten, mit 34,8 Prozent. Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) von Tayyip Erdogan, in der Heimat Liebling der Massen, landete mit 19,7 Prozent auf dem zweiten Platz. Nur bei der rechtsgerichteten Partei MHP scheint der Kreuzberger Trend zu stimmen. Sie bekam neun Stimmen und schaffte es damit am Kottbusser Tor mit 10, 4 Prozent auf den dritten Platz. Auch in der Türkei wird sie vermutlich die Zehnprozenthürde überspringen können. Suzan Gülfirat

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