Berlin : Gazeteler Rückblick: Woher kamen die Grand-Prix-Punkte?

Suzan Gülfirat

Beinahe wären die Türken beim Grand Prix in Kopenhagen nicht einmal unter den ersten Fünfzehn gewesen. In letzter Minute hat es dann doch noch geklappt. "Dank unseres Nachbarn sind wir Elfter geworden", titelte die Tageszeitung Hürriyet am nächsten Tag und spielte damit nicht auf die sieben Punkte an, die aus Deutschland kamen. Gemeint waren die Griechen, die dem türkischen Musikbeitrag 10 Punkte gönnten. Die sieben Punkte aus Deutschland blieben unkommentiert. Die Kollegen wissen schon warum: Die Vermutung liegt nahe, dass die Punkte nicht von deutschen Ted-Abstimmern kamen. Hilfe aus Deutschland vom "türkischen Landsmann" sind die Türken in der Türkei aber gewohnt.

"Unsere Türen sind für die Europatürken jederzeit offen", wurde der Direktor der Pamukkale Universität in Istanbul in der vergangenen Woche in der Wochenzeitung "Dünya" (Die Welt) zitiert. Seit etwa zwei Monaten kann man das türkische Wirtschaftsblatt mit einem Europateil auch an Berliner Kiosken kaufen. Allerdings gibt es die Zeitung nur in wenigen Geschäften, ansonsten muss es aboniert werden. "Wir haben uns die Kostbarkeiten, die wir großgezogen haben, nach und nach von Amerika und anderen Staaten wegschnappen lassen. Nun brauchen wir sie. Deshalb bitten wir unsere Brüder und Schwestern in Europa, uns bei der Entwicklung unseres Landes zu helfen", wurde der Direktor auf der Titelseite weiter zitiert.

In diesen Zusammenhang fällt die neue Kinderseite der türkischen Botschaft im Internet auf. Dort können seit kurzem türkischen Kinder "Wünsche, Ängste und Gedanken - egal, ob auf deutsch oder türkisch - aufschreiben." Verfolgt man aber die Berichterstattung über die türkische Gemeinde in Berlin, sieht es so aus, als würde es noch einige Zeit dauern, bis so viele "Kapazität" herangewachsen ist, dass dem Land geholfen werden kann. Immer noch wird jeder halbwegs erfolgreiche Türke als Sensation gefeiert, wird groß über das soziale Engagement deutscher Politiker in den Berliner Schulen berichtet. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck, besuchte beispielsweise in der vergangenen Woche die Breitscheid-Oberschule in Tiergarten. Sie wurde mit den Worten zitiert: "Lernt die deutsche Sprache nicht so, als wolltet ihr sowieso zurückkehren, sondern so, als wolltet ihr für immer hier bleiben." Auch der Schulsenator Klaus Böger (SPD) fand in den Blättern Gehör. Er besuchte eine Vorschule in Tempelhof-Schöneberg, in der laut der Tageszeitung Türkiye 90 Prozent der Kinder ausländischer Herkunft sind. Das Zitat könnte manche Leser beruhigen: "Die Vorschulen sollten Ausbildungsorte sein." So müssen nicht sie sich darum kümmern, dass ihre Kinder Deutsch lernen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben