Berlin : Geb. 1924

Hans Förtsch

David Ensikat

Hans Förtsch

Ein Plakat, das für Plakate wirbt – völlig in Ordnung. Wenn es für polnische Plakate wirbt – noch besser. Ein Plakat, das für Autos wirbt – ein Graus, unter aller Würde. Plakate braucht der Mensch, ihn zu überreden, sich besonders gute anzuschauen ist aller Ehren wert. Autos braucht… egal, jedenfalls dient ein Autowerbeplakat der „Manipulation zu Gunsten der Profitmaximierung“.

Es ist lange her, dass Hans Förtsch seine großen Kämpfe ausgefochten hat, in den sechziger und siebziger Jahren war’s. Die Dinge schienen klarer damals. Ähnlich wie die Ästhetik des „Informationsgrafikers“ Hans Förtsch. Die war auch eine sehr klare, eindeutige, kaum mal verspielte. Komplizierte Musik illustrierte Hans Förtsch auf seinen Plakaten mit einfachen Strukturen, strengen Mustern. Für die pure Produktwerbung hätte er sich nie hergegeben, ganz ausgeschlossen.

An seinem Fachbereich an der Hochschule der Künste ging es hoch her. Dass Grafiker hier auch lernen, wie man Margarine bewirbt, war doch immer klar. Dass er, der Hochschulprofessor, sich weigerte, ihnen so etwas beizubringen, dass er laut herumposaunte, dass sich so etwas nicht gehört, das ging zu weit. Über viele Jahre zog sich der Streit hin, Hans Förtsch wich keinen Millimeter, irgendwann erlitt er einen Herzinfarkt über der ganzen Angelegenheit. Aber überredet hat ihn niemand – sollten die anderen Plakatemacher „Werbegrafiker“ sein, er blieb „Informationsgrafiker“.

Es gibt Leute, die meinen, dass Hans Förtsch solchen Streit geradezu suchte, dass er sich darüber definierte. Viel Feind, viel Ehr. 1968, in dem Jahr, als die Studenten aufbegehrten, ging es an der Kunst-Akademie um die Amtsenthebung des Grafik-Dozenten. Er hatte allzu deutlich eine vermeintlich studentische Position eingenommen. „Prüfungen sind Scheiße“, hatte er gesagt, mitten in einer staatlichen Prüfung, in Anwesenheit der Kollegen Staatsprüfer. Unter ihnen war er der einzige Grafiker, der einzige, der was vom Fach verstand, um das es ging. Der oberste Staatsprüfer war mal Englischlehrer gewesen. Förtsch regte sich fürchterlich über die Fehlurteile auf und sagte schließlich diesen bösen Satz. Die Kollegen petzten, die Sache ging hoch bis zum Schulsenator, Förtsch wurde einbestellt und blieb, ganz klar, bei seiner Auffassung – was soll man machen, wenn man Recht hat? Zu seinem Glück gab es da einen sehr liberalen und offensichtlich auch humorvollen Kollegen, der zur causa ein hochgelehrtes, mehrseitiges Gutachten verfasste. Dieses fußte auf dem Nachweis, dass Förtsch mit dem Wort „Scheiße“ eigentlich „Kacke“ gemeint habe, ein, so der Gutachter und das damalige Kraftwortverständnis, viel schwächerer Ausdruck. Außerdem handele es sich um eine „Privatansicht, die Hans Förtsch aufgrund seiner semiologischen Analyse getroffen“ habe. Der Senator zeigte sich beeindruckt und ließ den Dozenten Dozent sein.

So konnte er sich weiterhin den Luxus leisten, als Plakatemacher ein reines Gewissen zu behalten, da er niemanden mit seiner Kunst zum Kauf von irgendwas bewegen musste. Neben der Lehrarbeit an der Hochschule entwarf er in seinem Atelier Plakate für Veranstaltungen, die er, Hans Förtsch, für werbewürdig hielt. Für die Tage spanischer Musik zum Beispiel, für die Kieler Woche, für den 1. Mai und für SFB-Konzerte. Lauter Kunstwerke im nüchternen Stil der Zeit, die, wenn der Anlass dann vorüber war, ihre Daseinsberechtigung eigentlich verloren. Grafiker-Kollegen, Spezialisten, Grafikschüler schauen sich so etwas später nochmal an, sie sagen: Sieh an, die klaren Linien, keine einzige zu viel, die Poesie, ganz große Kunst. Aber Kunstsammler, die sich der Plakatkunst widmen, gibt es kaum, Plakat-Ausstellungen sind rar. Zu viel Zweck tut der Kunst nicht gut.

Wer von der Kunst Hans Förtschs spricht, spricht immer auch von Sigrid Förtsch- vonBaumgarten. Mit ihr war er verheiratet, mit ihr gemeinsam war er Künstler. Beim Studium in Leipzig, Ende der vierziger Jahre hat er sie kennen gelernt, mit ihr ist er nach Berlin gegangen, zusammen waren sie Meisterschüler beim selben Professor, zusammen haben sie das Atelier Förtsch-von Baumgarten betrieben, ein großes Zimmer in der großen Wohnung. Wer bei den Plakaten für was zuständig war – das wissen auch enge Freunde nicht so genau. Sie haben eben alles zusammen gemacht.

Die praktischen Dinge des Lebens – dafür war vor allem sie zuständig, er hielt sie nicht für allzu wichtig. Als es aber um die Wohnung ging, da setzte er sich durch. Im ruhigen Zehlendorf, dort, wo man als Professor eben wohnt, hatte sie gesucht. Dort aber wollte er nicht wohnen. Viel zu weit weg vom Schuss, fand er (der doch aus Oberfranken stammte, und dem die ländliche Heimat stets am Herzen lag). Am Kurfürstendamm, ausgerechnet, fanden sie die richtige Bleibe. Nicht, dass Hans Förtsch dort ausgegangen wäre, die Glitzerstraße interessierte ihn gar nicht. Es war nur so praktisch: Einfach die Uhlandstraße runter, und schon ist man am Steinplatz, wo die Kunsthochschule liegt.

Seit er hier nicht mehr lehrte, hatte er mehr Zeit für Oberfranken. Hier stand sein Haus, hier sammelte er Pilze. Und er genoss die kleine Welt fern der großen Stadt, in der nicht an jeder Ecke ein Werbeplakat hängt.

Am 13. Oktober ist Hans Förtsch gestorben. Mit einem Herzschlag ist er seiner Frau in den Arm gesunken.

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