Berlin : Geburtstag: Diepgen, ganz locker

Ulrich Zawatka-Gerlach

Es ist kein runder Geburtstag, aber einer, den Eberhard Diepgen unbeschwert feiern kann. Heute wird er 59 Jahre alt. Unangefochten als Regierender Bürgermeister. Unangefochten als CDU-Landesvorsitzender. Die Koalition ist stabil und regiert ruhig vor sich hin. Die eigene Partei ist zwar im Wechsel der Generationen begriffen und unruhig, aber eine Insel der Stabilität im Vergleich zur Bundespartei. Aber was heißt bei Diepgen schon: feiern! Um 8.30 Uhr geht er brav zur Montagsrunde der Berliner CDU-Führung, um 11 Uhr wird im Büro für die Mitarbeiter ein Geburtstags-Kaffee ausgeschenkt, abends sitzt er im CDU-Fraktionsvorstand. Dazwischen liegt Regierungsroutine.

Es war nicht immer so ruhig um Diepgen. Seitdem er die Union führt und Regierungschef ist, wurde er in regelmäßigen Abständen von Krisen geschüttelt. Schon 1984, als Richard von Weizsäcker Berlin verließ, wollte die Berliner CDU-Basis die "Mutter der Partei", Hanna-Renate Laurien, als Bürgermeister-Kandidatin gegen Diepgen durchsetzen. Er obsiegte, aber die Illoyalität hinterließ Spuren. Seitdem ist er misstrauisch, manchmal zu Recht. 1986 holte ihn der Antes-Skandal, der Spendensumpf, ein. Nur eine Senatsumbildung rettete den CDU/FDP-Senat. 1989 folgte die überraschende Wahlniederlage, Diepgen trat am 2. März notgedrungen zurück, ohne richtig zu begreifen, was mit ihm geschah.

Bereits ein Jahr später: das Comeback, das viele nicht für möglich hielten. In einer Großen Koalition mit der SPD folgten unruhige Zeiten, die 1994 im Streit um den Innensenator Dieter Heckelmann und die Mykonos-Affäre gipfelten. Fast wäre das Regierungsbündnis gescheitert. 1994 war auch das Jahr des Gerüchte-Krieges gegen Diepgen und das Wort vom "blassen Eberhard" ging um. "Wie Braunbier mit Spucke", sagte damals Hanna-Renate Laurien und es wurde über Whirlpool-Fotos mit Diepgen geredet, die aber niemals auftauchten. Die Gesundheit des CDU-Mannes litt. Klaus Töpfer, Rupert Scholz, auch Klaus Landowsky hielten sich bereit, die Nachfolge Diepgens anzutreten. Seitdem joggt er.

1995 fuhr Diepgen einen ordentlichen Wahlsieg gegen die völlig desorganisierten Sozialdemokraten ein und wurde von der eigenen Partei wieder freundlich unterstützt. Dem Erfolgreichen folgte man gern. Bis 1997/98, als die Unzufriedenen und zu kurz Gekommenen in der CDU den Laden "Union 2000" aufmachten. Der Anti-Diepgen-Arbeitskreis wollte den Ex-General und patriotisch gesinnten Innensenator Jörg Schönbohm zum Königsmörder machen, aber die Revolte misslang. Schönbohm flüchtete nach Brandenburg und versuchte dort sein Glück. Diepgen blieb. Was sonst?

"Dünnhäutig und einsam" sei er geworden, stand damals in den Zeitungen und die Berliner SPD nahm sich vor, Diepgen im Wahlkampf 1999 als alterndes Auslaufmodell darzustellen. Einer wie Helmut Kohl. Aber die Rechnung ging nicht auf. Die Berliner CDU machte aus der Wahl einen Marketing-Gag ("Diepgen rennt...") und schickte den Kandidaten in den Jungbrunnen. Ein Stimmergebnis über 40 Prozent und hohe Beliebtheitswerte bei repräsentativen Meinungsfragen ließen auch den letzten innerparteilichen Kritiker vorläufig verstummen.

Momentan ist er also unangefochten und - für seine Verhältnisse - sehr entkrampft. Er hat die freie Rede für sich entdeckt, verbreitet ab und zu gute Laune, fühlt sich in der Doppelrolle als Landes- und hauptstädtischer Kommunalpolitiker wohl. Und Diepgen hält sich die Parteispitze vom Leib, die - nach dem Umzug von Bonn nach Berlin - ungemütlich nahe gerückt ist. Wenn ihn Parteifreunde fragen, ob er im Frühjahr 2001 noch einmal als Landesvorsitzender antritt, winkt er ab. Es ist seine Entscheidung und er hält sie offen. Niemand wird sich ihm in den Weg werfen, sollte er wieder kandidieren. Seit 1971 sitzt er im CDU-Landesvorstand - sein halbes Leben also. Seit 2. Dezember 1983 ist er Landeschef. Als Regierender Bürgermeister ist er noch bis Herbst 2004 im Amt. Kein Grund zur Hektik.

Vielleicht lernt Diepgen bis dahin vom scheidenden Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, wie man sich einen "Kronprinzen" heranzieht. Vogel ist übrigens der einzige in der CDU, der länger Ministerpräsident und Landesvorsitzender ist als Diepgen. Allerdings verteilt auf zwei Bundesländer: zwölf Jahre Rheinland-Pfalz und knapp neun Jahre Thüringen. Wollte Diepgen auch diesen Rekord brechen, müsste er 2004 weiter machen. Dann wäre er immer noch jünger als Kurt Biedenkopf, Manfred Stolpe und Vogel es heute sind. Manchmal hört man es flüstern in der Berliner CDU: 2004 ließe sich gegen ein drohendes Bündnis von SPD, PDS und Grünen vielleicht endlich eine absolute Mehrheit erringen. Am ehesten natürlich mit Diepgen ...

Aber das ist Kaffesatzleserei. Die 30- bis 45-Jährigen in der Union drängen entschlossen nach vorn und haben sich in den Kreisverbänden, im Landesvorstand und in der Abgeordnetenhausfraktion strategisch wichtige Positionen organisiert. Gegen diese Mehrheit könnte Diepgen zwar aus eigener Kraft in den Ruhestand gehen, aber nicht fortwährend im Amt bleiben. Das weiß er, aber die Zeiten sind vorbei, in denen er Angst vor dem Aufhören hatte. Deshalb ist Diepgen so locker. Sogar am 59. Geburtstag.

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