Gedanken zur Reformation : Wie man mit Thesen durchdringt

Am Sonntag wurden vor dem Berliner Rathaus 9,5 Thesen zur Reformation der direkten Demokratie präsentiert. Das bringt unseren Autor zum Nachdenken. Eine Glosse.

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Kunstvoll verziert zeigt sich die weltberühmte Thesentür an der Schlosskirche in Wittenberg.
Kunstvoll verziert zeigt sich die weltberühmte Thesentür an der Schlosskirche in Wittenberg.Foto: picture alliance / dpa

Niemand muss der Kirche angehören, um zu wissen, dass Weltgeschichte gelegentlich dadurch in Gang gesetzt wird, dass jemand irgendwo Thesen befestigt. Ob mit lautem Hammerschlag oder mit Sekundenkleber – das ist nicht entscheidend, das ist historisch bedingt. Notfalls reicht es heute, Thesen einfach vors Handy zu halten.

In der modernen Mediengesellschaft mit ihren Aufmerksamkeitshäppchen sind aber auch 95 Thesen viel zu viel, das wirkt akademisch und rechthaberisch und passt in keine Twitter-Mitteilung rein. Zehn maximal – aber wie wäre es mit neun Thesen und einem Nachsatz, 9 Komma 5? Dringt optimal durch.

Glauben jedenfalls unsere Stadtcampagneros von der Volksentscheid-Front, die deshalb gestern vor dem Rathaus diese 9,5 Thesen zur Reformation der direkten Demokratie präsentiert haben. Ein Mann mit Dreitagebart und Mönchs-Hoodie hat sie in die Öffentlichkeit getwittert.

Ja, das ist auf den ersten Blick genauso unspektakulär wie damals Martin Luther. Aber was wurde daraus! Stellen wir uns also fürs Jahr 2516 darauf ein, dass dann ein großes Feiern anheben wird zum Gedenken an den Tag, als sich der Deutsche von den Fesseln der indirekten Demokratie befreite. Auf dass eitel Ökostrom und Tofuschnitzel die Radwege bedecken von jetzt an für immerdar.

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