Berlin : Gedenken am Bauzaun

Jetzt gibt es neue Vorschläge für den Checkpoint Charlie – zum Beispiel Fotos an einer Umzäunung

M. Neller,S. Vieth-Entus

Um 6 Uhr 10 kapituliert Alexandra Hildebrandt. Kurz bevor die Bauarbeiter damit beginnen, die 1065 Holzkreuze am Checkpoint Charlie abzubauen, sagt die Museumschefin: „Wir geben auf. Jetzt gibt es keine Chance mehr.“ Sie zittert, sie hat nicht geschlafen, sie hat vom Weinen rot geränderte Augen. Von einer Bankbürgschaft, die Hildebrandt am Montagabend noch angekündigt hatte, war gestern keine Rede mehr.

Dafür gab es von verschiedenen Seiten erste Vorschläge, was mit den abgebauten Kreuzen passieren soll. Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Roland Gewalt rät Hildebrandt, die Kreuze „gut aufzubewahren“. Er könne sich „sehr gut vorstellen, dass man sie an anderem Ort wieder brauchen wird“. Allerdings nicht in der bisherigen Form am Checkpoint Charlie. Ähnliches schwebt Marianne Birthler vor. Die Chefin der Behörde für Stasi-Unterlagen warb in einem Brief an Hildebrandt darum, besonnen gemeinsam darüber nachzudenken, „ob und wo die Kreuze vom Checkpoint Charlie gegebenenfalls Verwendung finden können“.

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Volker Ratzmann findet es „erst mal gut, dass die Installation jetzt abgebaut wird“. Sie sei nicht die richtige Form des Gedenkens an diesem Ort gewesen. „Allerdings“, so Ratzmann, „hat Frau Hildebrandt den Senat auch unter Zugzwang gesetzt. Und das zu Recht.“

Der Senat versucht, sich diesem Zugzwang zu stellen. Gestern erörterte er eine „Anschlusslösung“, wie Sprecher Günter Kolodziej mitteilte. Demnach soll es am Checkpoint Charlie langfristig ein Museum des Kalten Krieges geben. Bis dahin könnte auf der Brache eine Open- air-Ausstellung entstehen, die in einem 180-Grad-Panorama „die historische Situation des Grenzübergangs und der Panzerkonfrontation“ zeigt. Einen Zeitplan für die Open-air-Ausstellung und das Museum gibt es bisher nicht.

Bis es soweit ist, schlägt Kultursenator Thomas Flierl (PDS) vor, auf einem 360 Meter langen Bauzaun die „wechselvolle Geschichte“ des Ortes an der Friedrichstraße zu dokumentieren – samt Foto der Mauerkreuze. Dieser Bauzaun solle „recht bald“ entstehen, so Kolodziej. Ihm zufolge hatte der damalige CDU/SPD-Senat im Jahr 1992 beim Verkauf der Checkpoint-Charlie-Grundstücke festhalten lassen, dass in dem geplanten Neubau „ein Platz des Gedenkens“ eingeräumt werden sollte. Wie verbindlich diese Vereinbarung war, konnte Kolodziej nicht sagen.

Einzig sicher ist zurzeit, dass zunächst der Bauzaun kommt. Und dass es dort auch um die Mauerkreuze gehen soll. Alexandra Hildebrandt hält davon allerdings gar nichts. Und sie weiß noch nicht, was nun mit den Kreuzen wird. Erst mal wandern sie ins Archiv des Mauermuseums.

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