Gedenken an Revolution : Aufruhr am Alex

Ein nachgestellter Barrikadenkampf am Alexanderplatz sollte an die Ereignisse vom 18. März 1848 erinnern. Vor 160 Jahren tobte dort die Revolution und war blutiger Ernst.

Lothar Heinke
historale
Kampf in Berlin. die revolutionären Ereignisse werden auf der Historale nachgestellt. -Foto: Thilo Rückeis

Der Alexanderplatz hat in jüngster Zeit wieder viel erlebt, man hat ihn zum x-ten Male umgemodelt, aber er ist und wird trotzdem nicht fertig – schon wieder wächst ein Haus nach oben, kaum, dass der Alexa-Klotz dazugehört wie das modernisierte Warenhaus, die Weltzeituhr, Peter Behrens’ Zwillingshäuser und das Park Inn, Deutschlands höchstes Hotel.

Gestern aber hätte man Platz-Angst kriegen können. Es sollte geschossen werden, geschrien und gebrüllt. Mitten in Berlin wollte die Revolution ihr Haupt erheben. Für die Zuschauer war die erste Reihe reserviert, damit die den Mummenschanz verkleideter Bürger und preußischer Soldaten zu beiden Seiten der Barrikade beobachten konnten. Die Aktion sollte daran erinnern, dass genau vor 160 Jahre der Krieg um die von Berliner Bürger errichteten Barrikaden bitterer und blutiger Ernst war. Angesichts der wachsenden revolutionäre Bewegungen hatte damals der König Friedrich Wilhelm IV. einige Zugeständnisse an die aufgebrachte Bevölkerung gemacht. So erließ er eine Verfügung, in der er mehr Pressefreiheit, die Beseitigung der Zollschranken, die Einberufung des Landtags und eine Reform des deutschen Bundes zusagte. Die Berliner waren begeistert. Endlich mehr Bürgerrechte! Als sich immer mehr von ihnen auf dem Schloßplatz versammelten, gab der König die verhängnisvolle Order, den Platz mit militärischer Gewalt zu räumen. Sofort schlug die Stimmung um. Tausende riefen: „Militär zurück!“ Doch Dragoner griffen die Demonstranten mit gezücktem Säbel an, zwei Schüsse fallen, „Verrat!“ riefen die Leute. „Zu den Waffen!“

Dann eilten sie durch die Straßen, nahmen Droschken und Wagen auseinander, türmten in der Mitte der Stadt Barrikaden auf aus Möbeln, Pflastersteinen, Holzbalken – die größte stand auf dem Alexanderplatz, an der Neuen Königstraße, fast genau dort, wo gestern historisch interessierte Laiendarsteller mit eigens angefertigten Pickelhauben auf dem Kopf gegen jene vorgehen wollten, die „das Volk“ zu spielen hatten. 2000 zumeist junge Arbeiter und bürgerliche Intellektuelle gegen über 12000 preußische Soldaten, das konnte nicht gut gehen. Dennoch: Der König zog am nächsten Morgen sein Militär ab, die aufgetürmte Barrikade in der Königstraße wurde als einzige nicht besiegt. Rudolf Virchow, der Arzt, schrieb an seinen Vater: „Zum erstenmal seit der Franzöischen Revolution, zum erstenmal seit dem Beginn der deutschen Geschichte ist es vorgekommen, daß ein Landesfürst auf seine Untertanen mit Kanonen hat schießen lassen, das Kleingewehrfeuer genügte nicht, nein, Kartätschen und Granaten ließ er in das Volk schleudern ... Überall haben sich die Berliner wie Löwen geschlagen ...“ Und der König verneigte sich am Nachmittag des 19. März im Schlosshof vor den fast 200 „Märzgefallenen“. Auch die Aufbahrung von 183 Särgen vor dem Deutschen Dom wird von den „Historiale“-Veranstaltern am kommenden Sonnabend ab 12 Uhr vorgeführt und nachempfunden.

Der Alex war zuletzt am 4. November 1989 Schauplatz einer großen Demonstration für Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit. Mit großer Wirkung: Am 18. März vor 18 Jahren hatte der DDR-Bürger zum ersten Mal die freie Wahl.

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