Gedenken : Die Helden der Tafelrunde

Sie sind weiß, aus feinstem Porzellan und sehr begehrt: 400 Tafeln an Berliner Häusern erinnern an berühmte Berliner. Ein Verein kümmert sich darum - ehrenamtlich.

Franziska Felber
Für Marlene. Die Gedenktafel am Geburtshaus der Dietrich in Schöneberg. Foto: dpa
Für Marlene. Die Gedenktafel am Geburtshaus der Dietrich in Schöneberg. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Sie sind so begehrt, dass sie hin und wieder sogar mal abhandenkommen. Die Gedenktafel für die Schauspielerin Adele Sandrock, die an ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Leibnizstraße 60 in Charlottenburg hing, tauchte eines Tages beim Internetanbieter Ebay auf. Sie wurde sichergestellt und wieder aufgehängt. Bleibt die Tafel verschollen, wie etwa im Fall von Alfred Döblin, muss eine neue angebracht werden, dafür braucht es auch immer Sponsoren. Auch Alfred Döblins wird in Charlottenburg gedacht, am Haus Kaiserdamm 28, wo der Schriftsteller wohnte und als Arzt praktizierte.

Die Berliner Gedenktafeln sind über die ganze Stadt verteilt und etwa so groß wie diese Zeitungsseite im Querformat, gefertigt aus feinstem weißen Porzellan der Königlichen Porzellan-Manufaktur. Rund 400 der Gedenktafeln erinnern mit kobaltblauer Inschrift an Menschen und Einrichtungen, die sich in und für Berlin verdient gemacht haben.

Die jüngste Tafel ehrt den 2002 verstorbenen Kabarettisten Wolfgang Gruner an seinem ehemaligen Wohnhaus in Charlottenburg als „Inbegriff der ,Berliner Schnauze mit Herz’“. Weitere Tafeln sind geplant, etwa für Curt Heinrich Dathe, den ehemaligen Direktor des Tierparks Berlin, und den Schauspieler Carl Raddatz, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre.

Seit 1993 betreut die Historische Kommission zu Berlin e. V. (HIKO) ehrenamtlich das Projekt. 2012, im Jahr des 775. Stadtgeburtstags Berlins, hat sie mit 400 Tafeln das Ziel des Programms weit überschritten. Doch das war anfangs gar nicht einfach. Die Idee zu den Tafeln entstand bei den Vorbereitungen zum 750. Geburtstag Berlins. Bis zu den Feierlichkeiten im Jahr 1987 sollten in jedem der damaligen Bezirke West-Berlins 20 Tafeln hängen. Finanziert wurden sie von der Berliner Sparkasse. Doch der Plan ging zunächst nicht auf.

Hauseigentümer wehrten sich, ehemalige Wohnorte von bedeutenden Persönlichkeiten konnten nicht ausfindig gemacht werden. Am Ende hingen statt der geplanten 240 Tafeln gerade einmal elf Stück. Doch man gab nicht auf. Zwei Jahre später fiel die Mauer, und die Sparkasse spendierte nochmals einen größeren Betrag für die neuen Bezirke. Insgesamt war es rund eine halbe Million Euro, die investiert wurde. Im Jahr 2000 war der Topf leer. Seitdem muss der Antragsteller sich um die Kosten kümmern, die heute bei 2952 Euro liegen. Bezahlt werden sie von Privatpersonen, aber auch von Sponsoren wie dem Energieunternehmen Gasag und der Senatskanzlei/Kulturelle Angelegenheiten. Im vergangenen Jahr kamen 16 neue Tafeln hinzu.

Das quantitative Ziel des Programms wurde erreicht, aber mit der Verteilung hat es nicht geklappt wie gedacht. Mehr als die Hälfte der Berliner Gedenktafeln hängen in zwei Bezirken: Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf. Insgesamt sind es hier über 200 Tafeln. Spandau und Marzahn kommen zusammen auf vier. Rosemarie Baudisch, Geschäftsführerin der HIKO, erklärt das damit, dass die beiden Spitzenstandorte der Gedenktafeln schon immer beliebte Wohngebiete waren. „Da haben sich viele Künstler und Wissenschaftler angesiedelt.“ Und viele Menschen in den Kiezen wollen ihrer gedenken.

Die Brüder Grimm, Marlene Dietrich, der Hauptmann von Köpenick, sie alle sind selbstverständlich unter den Geehrten. Doch Ziel der Initiative Berliner Gedenktafel ist auch, vergessene Persönlichkeiten auszuzeichnen. In Köpenick hängt eine Tafel für Henriette Lustig. „Mutter Lustig“ hatte 1835 in Köpenick die erste Lohnwäscherei und damit eine ganze Dienstleistungsbranche eröffnet.

Aber nicht allen Anträgen wird stattgegeben. Für die Ablehnung eines Antrags gibt es verschiedene Gründe. Baudisch erinnert sich an einen Vorschlag für Frank Zander. Doch lebende Persönlichkeiten scheiden aus, ebenso wie die, die nicht über einen Bezirk hinaus wirksam wurden. „Dafür gibt es die bezirkseigenen Gedenktafeln“, sagt Baudisch. Bei einer schwierigen Vergangenheit in der Nazizeit werde höchst sorgfältig abgewogen. Ein Parteibuch lasse nicht in allen Fällen auf die Überzeugung des Betreffenden schließen, heißt es. Wenn sie selbst sich für Tafeln starkmachen sollte, würde sie sich eine für Hildegard Knef und eine für Günter Pfitzmann wünschen.

Der Weg zur Tafel

Der Antrag wird an die Historische Kommission zu Berlin e.V. (HIKO) gerichtet mit der Begründung, warum die vorgeschlagene Person oder Einrichtung eine herausragende Bedeutung für die Stadt hatte. Es muss eine Einverständniserklärung des Hauseigentümers und eine Kostenübernahmeerklärung beiliegen. Genehmigt der Wissenschaftliche Beirat der HIKO den Antrag, erarbeitet sie mit dem Antragsteller den Tafeltext. Dann wird der Auftrag für die Herstellung herausgegeben, die meist vier bis sechs Wochen dauert. Historische Kommission zu Berlin e.V., Geschäftsführung, Rosemarie Baudisch, Kirchweg 33 (Mittelhof), 14129 Berlin, Tel. 80 40 26 86,

www.hiko-berlin.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben