Gedenken : Nelken, Tränen, Lafontaine

70 000 Menschen gedachten am Wochenende Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Am 15. Januar 1919 waren die KPD-Gründer von von Freikorpssoldaten ermordet worden.

Sabine Beikler/Jörn Hasselmann
Linkspartei
Tradition. Zur Erinnerung al die Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht traf sich die Linke in Friedrichsfelde. -Foto: ddp

Dieses Jahr waren andere Marxisten und türkische Kommunisten schneller. Als am Sonntagmorgen kurz nach halb zehn die erste Riege der deutschen Linken ihre Kränze an der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde ablegen wollten, blickten sie auf ein Gebinde der in der Türkei verbotenen kommunistischen Partei MLKP. Daneben lehnte ein Kranz von „Spartakus“ am Gedenkstein mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“. Doch mit ernster Miene schritt Linkspartei-Chef Lothar Bisky als erster an die Gedenkstätte, legte einen Kranz ab und verneigte sich tief vor den Grabplatten der am 15. Januar 1919 von Freikorpssoldaten ermordeten KPD- Gründer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Eine Stunde später kam dann auch noch Biskys Ko-Vorsitzender Oskar Lafontaine.

Gregor Gysi, Chef der Linksfraktion im Bundestag, würdigte „Rosa und Karl“ als „richtige Helden“. Beide hätten für Frieden und soziale Gerechtigkeit gekämpft. Themen, die heute genauso aktuell seien. „Deshalb darf man das ehrende Gedenken nicht aufgeben.“ Für Berlins Linkspartei-Chef Klaus Lederer zeugt das Eintreten Liebknechts und Luxemburgs für ihre Überzeugungen von „Zivilcourage“, die heute wie damals aktuelle Bezüge habe.

Lederer legte wie viele andere auch eine rote Nelke an einem 100 Meter entfernten, 40 mal 60 Zentimeter großen Stein ab, um den seit über einem Jahr ein linksinterner Streit tobt. „Den Opfern des Stalinismus“ steht auf dem Stein, der vom „Förderkreis der Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde“ gestiftet wurde. Doch einigen ist die Aufschrift des Gedenksteins zu undifferenziert. „Stalin hat Hitler geschlagen“, rief ein älterer Mann. Für andere ist der Stein eine „Provokation, mit der der Kommunismus diskreditiert werden soll“. Eine Frau, die ihren Namen nicht nennen wollte, zeigte eine Postkarte mit Stalins Konterfei und der Aufschrift „Von Stalin lernen heißt Siegen lernen“. Sie wurde von vielen beschimpft, wollte aber nicht weichen.

Später am Vormittag kamen dann all die zum Friedhof, die schon einige Kilometer mit Fahnen, Transparenten, markigen Gesängen und alten Parolen über die Frankfurter Allee gezogen waren. Zusammen etwa 5000 Menschen schätzte die Polizei. Im Zug vereint drei etwa gleich große Blöcke: türkische und kurdische Kommunisten, deutsche Splittergruppen wie MLPD und DKP sowie der traditionelle schwarze Block der Autonomen. Anders als in den Vorjahren gab es nicht einmal Gerangel mit der Polizei, die sich im Hintergrund hielt, weil Neonazis ihre Störaktionen abgesagt hatten.

Am Abend hatten dann insgesamt mehr als 70 000 Menschen Luxemburgs und Liebknechts gedacht. Sabine Beikler/Jörn Hasselmann

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