Berlin : Gedenkgottesdienst: Biker gedachten derer, die 2001 nicht mehr ankamen

hema

"Take your time" singen "Mary and Jane" vorn am Altar, und eigentlich sollen das ihre Zuhörer, die dicht gedrängt auf den schmalen Bänken der St. Hedwigskathedrale sitzen, sich nicht nur zu Herzen nehmen, sondern auch mitsingen. Aber Singen ist wohl nicht so das Ding der Männer und Frauen jeden Alters, die sich mit schweren Stiefeln und Lederkleidung einen verwegen rauhen Anstrich geben. Eher schon die Geschwindigkeit ihrer insgesamt wohl Millionen Mark teueren Motorräder, die draußen in der Sonne funkeln.

Drinnen werden 41 Namen vorgelesen - Gedenken an verunglückte Motorradfahrer. Der Jüngste, der auf Berliner und vor allem Brandenburger Straßen verunglückte, war erst 12, der Älteste 70 Jahre alt. Eine einzige Frau ist dabei, sie starb mit 18.

Etwa 7000 Biker mit 5000 Motorrädern nahmen gestern an dem ökumenischen Gottesdienst teil, der seit 1973 in Berlin Tradition hat. Wie immer fasste da die Kirche die Teilnehmer nicht - auf den Stufen von St. Hedwig und um die Kathedrale herum nahm ein Großteil der Biker über Lautsprecher am Gottesdienst für ihre auf der Straße tödlich verunglückten Kumpel teil. An diese erinnern drinnen auf den Altarstufen schwere Helme, mit denen sich die Motorradfahrer zu schützen versuchen - nicht immer gelingt das.

Gottes Wort und Trost suchten gestern nicht nur diejenigen, die täglich auf den Straßen mit ihren chromblitzenden Supermaschinen gefährdet sind und gleichzeitig anderen Verkehrsteilnehmern gefährlich, sondern auch die Freunde und Angehörigen der tödlich verunglückten Biker. Von einer Brücke der Trauer sprach da Pfarrer Thomas Schubert. Einer Brücke der Trauer über die Verkehrsopfer in Berlin und Brandenburg, aber auch die Opfer des Attentats und seines Gegenschlags, die uns tausende Kilometer entfernt jetzt täglich bewegen.

Die Predigt des Biker-Gedenkgottesdienstes hielt der evangelische Pfarrer und Beauftragte für Motorradfahrer, Bernd Schade. Der kennt seine Schäflein und weiß, was man ihnen sagen muss. Nach seinem Lob, dass sich die Gedenkfahrt vom Olympiastadion in die Mitte der Stadt trotz des Superwetters nicht, wie er befürchtete, zur Halligalli-Schau gestaltete, folgt der Tadel.

Von einem Missverständnis in Brandenburg sprach Schade, der selbst eine 1200er Kawasaki fährt. "Wer gnadenlos und rücksichtslos durch die Alleen fährt, der hat dieses schöne Land nicht verstanden". Und auch Gott nicht, denn der habe den Menschen die Fähigkeit gegeben, sich zu verständigen. Dass es gerade unter Bikern häufig eine tiefe und aufrichtige Frömmigkeit gibt, weiß Schade. "Auf der Straße sind wir immer zugleich gefährdet und gefährlich, wir haben es nicht selbst in der Hand." Oft sei da die Bereitschaft hoch, sich von einem "guten Geist" leiten zu lassen. "Man wird offen für die Schönheit der Schöpfung", fügte der Seelsorger hinzu.

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