Berlin : Gedenkgottesdienst: "Wir wollen die Klage vor Gott bringen"

Esther Kogelboom

Gegen 21 Uhr schlossen sich am Dienstagabend die Tore des Berliner Doms. Die Trauerfeier, zu der Wolfgang Huber, evangelischer Bischof in Berlin und Brandenburg, sowie der Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky anlässlich der Terroranschläge in den Vereinigten Staaten aufgerufen hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits gänzlich überfüllt. Hunderte drängten sich auf den Stufen, viele hielten Kerzen und Lichter in den Händen, andere klammerten sich aneinander und weinten. "So viele Menschen habe ich hier seit der Wiedervereinigung nicht mehr gesehen", sagte ein Mann. Viele Umstehende pflichteten ihm bei. Diejenigen, die nicht mehr in den Berliner Dom hineingelassen worden waren, suchten das Gespräch - auch mit Fremden. Im Dom saßen die Trauernden vor Beginn des Gottesdienstes mit Gebetbüchern auf den Holzbänken und schwiegen. Viele hatten auch hier Grablichter aufgestellt.

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Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Mühsam bahnten sich auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sowie die Spitzenkandidaten Gregor Gysi und Frank Steffel den Weg durch die trauernde Menge. "Ich hoffe nicht, dass sich aus den Ereignissen so etwas wie eine Spirale entwickelt", sagte Gysi. "Der Wahlkampf wirkt plötzlich klein und nebensächlich." Das Gewaltpotenzial, so der PDS-Spitzenkandidat, wachse stetig, weil die Welt immer näher zusammenrücke: "Wir müssen einen Weg finden, wie wir auf völlig neue Art Weltfrieden erreichen."

Klaus Wowereit versuchte unterdessen, Ruhe und Besonnenheit zu vermitteln. "Für Berlin haben wir keine Hinweise auf eine konkrete Gefahr", sagte der Regierende Bürgermeister, nachdem er seiner Betroffenheit Ausdruck verliehen hatte. "Jetzt ist Trauer statt Sorge angebracht", so Wowereit weiter, "unsere Solidarität gilt den Angehörigen der Opfer." Auch Frank Steffel (CDU) zeigte seine Betroffenheit: "Wir müssen im Wahlkampf innehalten und uns fragen, was die wirklich wichtigen Themen sind." Die Terroranschläge würden sich auf alle Menschen der Welt auswirken, so der CDU-Spitzenkandidat.

Während des ökumenischen Gottesdienstes waren vor allem die Predigten von Bischof Huber und Kardinal Sterzinsky sehr bewegend. Sterzinsky sagte, dass er seine Sprachlosigkeit angesichts des Terrors am liebsten durch Schweigen dokumentieren würde. "Wir sind zusammengekommen, um zum Ausdruck zu bringen, was sich in uns bewegt", sagte der Kardinal, nachdem er sein tiefes Mitgefühl geäußert hatte. Sterzinsky gab seiner Hoffnung darüber Ausdruck, dass alle Verantwortlichen besonnen handeln. Bischof Huber äußerte sein tiefes Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörige: "Wir wollen die Klage vor Gott bringen." Der Gottesdienst schloss mit einem gemeinsamen Vaterunser.

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